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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 475

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Eindrücke aus Chuldah
Date
1924-01-01
Page
475 (sequence 4)
Language
German
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Eindrücke aus Chuldah 475 Der Kuhstall in Chuldah ist ein alter Rohbau. Er hat glaublicherweise früher als Pferdestall gedient. Ich beneide die Burschen und Mädchen nicht, die hier täglich die Dielen kehren. Einer von ihnen sagte mir: „Auf allen anderen Böden des jüdischen Nationalfonds hat man sich beeilt, einen Kuhstall zu bauen, noch bevor das Vieh da war. Wie? sagen die Leute; wir werden bequem in Häusern wohnen und das Vieh soll in den Baracken bleiben? Unmöglich! Aber wir von Chuldah meinen: Erst die Rinder und dann der Stall! In dem schadhaften Bau stehen, eine neben der anderen, zwanzig und mehr Kühe. Der Ertrag von zwei Melkungen im Tag bringt dem Stall schon bis 80 Pfund monatlich ein. Und was man beim dritten Melken erzielt, bleibt im Ort. Das junge Geschlecht hat guten Grund zu hoffen, daß sich der Kuhstall noch mehr hebt. Es gab eine Zeit, da auch die Viehwirtschaft von Chuldah wie alle anderen Wirtschaftszweige schwer heimgesucht war und der Milchertrag ständig zurückging. Jetzt hat er sich stark gebessert und bald bringt man neue Kühe. Schon schaut man nach dem Markt von Jerusalem aus. Amen! Der Stall schlummert. Er atmet mit dem Atem eines Kindes, in festen und kurzen Zügen. Hier und dort wiederkäut eine Kuh im Halbschlaf, und zusammen mit dem warmen, saueren Fellgeruch und dem reinen Mistgeruch schwebt in der Luft ein Hauch von Lauterkeit und Ernst. Wie gut, daß er, der Arbeiter, da den sicheren und breiten Bauernschritt tut! (Ich mache auf dem Mist etwas komische Schritte, als ob ich zwischen Blumenbeeten spazieren ginge.) Er stößt jede alte Kuh an und bittet sie so, ihm die Ehre anzutun und sich auf ihre Füße zu erheben. „Steh auf, steh auf, Du schöne Braut, und laß Dich anschaun!" Jetzt treten seine Muskeln deutlicher hervor, die braune Haut, der feste Klang seiner Stimme und die Sicherheit seines Blickes. Fort ist das Album mit seinen Bilderschatten, den schmerzlichsüßen. Fort, weit fort! Wir verlassen den Stall, der auch im geheimnisvollen Dämmer der Nacht von Klarheit erfüllt ist. Hier und dort noch Menschenstimmen im Verklingen. Die Mitglieder der Kwuzah verlassen den Eßraum. Ihre Versammlung, die sich drei Abende hinzog, ist zu Ende. Er war nicht mit im Eßraum. Seine Seele ist müde worden. Ein ewiger Schwebezustand. Die eine Gruppe geht und läßt den Nachklang ihrer Debatten hinter sich. Eine andere Gruppe kommt, und mühsam schwimmt auf dem Redestrom einer dem zweiten zu. Nun schauen die Kameraden auf den Sonderling. Gleichgültig wurde er und beteiligt sich nicht mehr am Leben der Kwuzah. Nein, er lebt jetzt ein wahres Leben. Es ist doch gut, das Gesicht zwischen die Blätter des Albums oder eines Buches zu vergraben. Und Feiertags ist das Herz so hungrig wie einst. Doch nicht mehr ausgelassen und wild. Du ärgerst Dich nicht. Du willst nichts vom Gemeinschaftsraum. Du gehst hinaus in die Allee und schon steigen Erinnerungen auf: Es war einmal. Kommt es wieder? Wer weiß! Doch, was war, ist sicheres Gut. Das und die Arbeit, das und die Wirtschaft. Dort vom Eßraum her das verworrene Geräusch von Menschenstimmen und flammende Gesichter, und hier badest Du Deine Seele in läuternden Erinnerungen.

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