Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Eindrücke aus Chuldah
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 476 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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476 Jizchak Pellach: Eindrücke aus Chuldah Nun treten wir aus dem Bereich der dunklen Bäume. Die Felder nähern sich, schwarze Felder. Ein Hund trottet uns nach. Er beschnuppert die schwarzen Schuhe meines Bekannten und wittert Trauer in seinen vertieften Fußspuren. Ein schier melancholischer Hund, kein Dorfhund; ein Hund von einem Gutshof, dessen Menschen an den Abenden, nach schwerem Arbeitstag, noch hinausgehen, um zwischen Baumschatten verstohlenen Träumen nachzuhängen und die Sterne zu befragen; doch ein arabischer Kaftan erweckt noch in ihm, dem jüdischen Hund, die starken Gefühle seiner Abstammung. Das Gesicht meines Begleiters war in der Finsternis nicht zu unterscheiden. Nur die schwarze Arbeitsbluse umschloß wie ein aus Blei gegossener asketischer Rahmen die Schatten von Erinnerungen, die hier in Erez Israel, ihrem letzten Zufluchtsort, die Seele mit noch größerer Grausamkeit erfüllen. Doch die wilden nächtlichen Erinnerungen schrecken nicht mehr wie einst. Sie fließen jetzt zusammen und werden eins mit etwas Sicherem: dem Arbeitstag, und umschweben die Seele wie Vögel, die gute Botschaft bringen . . . Wir sind zum Grab gekommen. Das einzige Grab in Chuldah liegt auf einem erhöhten Platz, der auf die majestätisch stille Landschaft .herabschaut. Windstöße fegen querfeldein und schlagen einem ins Gesicht. Die Zypressen, die man um einen, der ein Mensch war, gepflanzt hat, wollen nicht aufkommen. Die schlichten, verwaisten Buchstaben des Namens starren leer in die uralte Landschaft. Keine Blume ist da, keine Spur von Blumen auf dem Grab in Chuldah. Er, der Einsame im Grab, war Mitglied einer Kwuzah, die schon lange von hier weggewandert ist, anderswohin. .. ja! Vielleicht werden die Kinder des Dorfes Chuldah ihm Blumenkelche bringen, ihm, der diesem Winkel treu blieb. Im Bereiche von einem, der auf ewig Ruhe fand, in seinem Arbeitswinkel, habe ich der Kinder gedacht. In dem Lande, wo alles wie für eine Schaustellung dasteht, wachsen in Kolonien und Städten Kinder auf mit kecken Blicken und starken Muskeln . . . Aber ihre Stimmen sind übermäßig hoch und es fehlt ihnen die Nuance des leisen Gebetes; sie benützen ihr Hebräisch wie eine Hacke, und ihr Herz, das die Traumweichheit der Kleinstadt verloren hat, schwankt in der verhärteten Brust gleich einer wurzelschwachen Pflanze. Vielleicht in den Arbeiterdörfern, in einem Waldwinkel mit Widerhall und Lichterspiel, und in der Obhut von Eltern, die sich nach 15 Jahren Arbeit mit ihren Jugenderinnerungen zurückziehen, vielleicht werden dort Kinder aufwachsen für Leben und Heimat. Und Leben ist halbe Lichter und Stimmen, die kommen und verklingen; auch der Heroismus (der, wie es scheint, da ist), ist kein Sonnenstrahl, der im Kristall der Seele aufblitzt, sondern nur eine stille Helligkeit, die Tag für Tag durch die farbigen Fenster der Seele dringt. Und Heimat ist das Land der Stille für die Seele . . . . . Im Stalle flüstert ein stilles Licht die ganze Nacht.