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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 474

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Eindrücke aus Chuldah
Date
1924-01-01
Page
474 (sequence 3)
Language
German
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474 Jizchak Pellach: unter den schweren Brauen hervor, den Weltenraum. Seine Bücher sind Bücher, sein Gott ist Gott. „Mai ka maschma lan?" Er, der Jüngere, kehrte zurück. Keine Brücke! Nur noch Fäden voll Weh binden sein Herz an das heimatliche Städtchen in Kronpolen. Der Alte hat verboten, ihm zu schreiben. Und damit still! Beide dienen dem jüdischen Gott mit stiller Hartnäckigkeit: der Vater im schattenerfüllten Beth-Hamidrasch eines armen Volkes, der Sohn auf dem schattenerfüllten Boden des gleichen armen Volkes. Nur noch ein abgerissenes weißes Haar ist zwischen den Blättern des alten Buches, bloß noch ein paar Bilder sind in des Jüngeren Album hinzugekommen; und darunter auch ein verschollenes Bild. Es blinkt das längliche Gesicht eines Burschen, und wie lebendig ist die große Blässe, die sich auf dem toten Papier abgeprägt hat, wie sonderbar in ihrer Lebendigkeit! Fast kein Tropfen Blut im Gesicht, alles haben die Ghettoträume ausgesogen. Nur das naive kleine Hütchen und der lange schwarze Kaftan bilden einen festen asketischen Rahmen um die Blässe des Lebenstraumes: ein Judenjunge aus dem Lande Polen, der vom herkömmlichen Wege abbiegt. Die Pejoth hinter den Ohren versteckt und kaum mehr sichtbar: Er liest schon ,,Chatath Neurim" (Jugendsünde) von Lilienblum; und mit dem letzten Weh, das er aus Vaters Haus geschöpft hat, hatte er auch sein letztes, nun 15 Jahre altes Bild mit sich gebracht. Blatt lehnt sich an Blatt und zwischen den dicken Photographien aus dem Städtchen, sabbathlichen Photographien, aus denen Menschen hervorschauen, schwer und niedrig, wie sie gleichsam in Erde wurzelten, mit zarter Winterdämmerung und dem Zittern halber Lichter ringsum — zwischen die Bilder aus dem Städtchen haben sich dünne, kleine Karten eingezwängt, von denen ein paar in der Hast abgebrochen sind, wie abgerissene Lebenskapitel. Kameraden sind da abgebildet, Schulter an Schulter stehend. Auch Photographien gibt es darunter, die schon etwas vergilbt sind und auf denen die Physiognomien aussehen, als schwebten sie fernab in Lüften, die Augen zusammengekniffen von dem Übermaß an Licht, dem Licht der östlichen Sonne am Ufer des Toten Meeres, in Jericho und im Lande der Pyramiden. Das sind die abgebrochenen Schattenstücke eines Traumes, der vereitelt und zur häßlichen Lüge wurde: der Traum von der ersten jüdischen Legion in Jehudah. Auch er, der Jüngling aus Polen, der vom herkömmlichen Wege abgebogen ist, hat das dunkelgelbe Kaki angetan, ein fester asketischer Rahmen um den Traum von Rassenverbrüderung und Völkerfrieden. Und damals gabs Lieder, deren Reiz er noch heute auf der Zunge fühlt, und salzig war die Sonne an den Ufern des Toten Meeres, und brandstichig waren die Farben in Jericho, während in einem fernen Städtchen des Landes Polen auf den Blättern eines schweren Buches, um den Alten mit dem erzürnten Gesicht, dämmernde Lichter spielten. . . . Nun treten wir aus dem Haus unter die Baumkronen. So süß ist die Stille im Dämmer des dichtverflochtenen Grün, daß das Verlangen erwacht, zwischen den Bäumen hervor die Lichtfäden der Dorfstuben zu unterscheiden, wo die Kinder schon lange in Träumen liegen. Bloß im Kuhstall flüstert ein stilles Feuer.

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