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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 473

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Eindrücke aus Chuldah
Date
1924-01-01
Page
473 (sequence 2)
Language
German
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Eindrücke aus Chuldah 473 blößt war, sich zu einer scharfen Anregung, die etwas trunken machte, nötigte. Damals pflegte man zu tollen und schwermütig in die Leere der Abende zu singen; auch Versammlungen gab es. Jetzt aber, wenn einer schon über die Schwelle der Dreißig ist und sein Bett noch verwaist in der Junggesellenecke von Chuldah steht, genügt ein Buch, ein einsames Lied, ein Spaziergang in der Allee, manchmal auch ein Gespräch, von Erinnerungen schwer, und hier und da ein Blick in die Blätter des Albums. Es genügt, muß genügen! Ein Jude schaut aus dem Album — ein Vater schaut. Das Bild ist aus dickem, altem Karton und aus dem breiten Gesicht mit dem dichtstruppigen Bart, mit der platten, harten Nase und den starken zürnenden Augenbraunen, spricht die pedantische Frage des Thalmud: „Mai ka maschma lan?" (Was will das sagen?) Er wollte sich niemals photograpbieren lassen, Gott bewahre! — „Du sollst Dir kein Abbild machen". . . . Dann kamen bittere Zeiten, mit schweren Plagen, wie Pässe, Visen u. dgl. und „Staatsgesetz ist gültiges Gesetz . . .", drum mußte er sich hinsetzen, auf den wackligen Schemel im Photographenatelier, wie auf glühende Kohlen, und seine Augen zürnten in die leere Welt hinein mit ihren nichtssagenden Gesichtern auf den Bildern, die gleich Spinnweben in der Luft hingen. Und neben dem Vater das Ebenbild seines ältesten Sohnes: Weichheit im Bartgestrüpp, Blässe zwischen den Furchen der Stirn, unsicheres Träumen um die Augen. Und der jüngere Sohn beugt sich über die Bilder von Vater und Bruder, die dort im polnischen Städtchen zurückgeblieben sind; eine braune Stirn und ein klarer Blick. Nur noch ein Zug von Schüchternheit in den Mundwinkeln, gleich dem Halbton in den Falten des Bildes, zieht sich wie ein dünner Faden zwischen dem Jüngeren und dem Älteren. Ein hartrindiger Baum hat zwei Schösse in die große Welt ausgeschickt, den einen fahl und den anderen braun. Hier im Ringen um den Aufbau eines neuen Lebens, hier auf dem Boden des Nationalfonds ist der eine Sprößling des Epigonengeschlechts braun und stark geworden. Er, der Jüngere, hat unlängst das Elternhaus besucht. Nach langen, langen Jahren! Er band eine Krawatte um den Hals, setzte den Hut auf und fuhr hin, nach dem Städtchen in Polen. Und was fand er? — Nichts. Nichts hat sich inzwischen ereignet. Alles blieb, wie es war. Die jungen Leute reden mit dem gleichen Akzent in allen menschlichen Sprachen und spekulieren ein bißchen mit Ideen und Wertpapieren, beides gangbare Ware. Juden kommen herein, küssen die Mesusah und fragen „Nu?" Und wenn du ihnen antwortest: „Es gibt nichts zu erzählen . . . geht selbst hin! . . .", reiben sie verlegen die Finger: „Wie heißt? Wir wollten nur hören, von dem und jenem und überhaupt ..." Der ältere Bruder steht in der Türe seines Ladens, kraftlose Blässe auf der Stirne. Ihm zur Seite sein Weib (auch sie ist im Album: eine Schnur reiner Perlen um den Hals einer reinen jüdischen Tochter, und rein ist ihr Blick). Die junge Schwester will man verheiraten und durchaus an einen, den sie nicht liebt, und nun quält sie sich zwischen den Wänden ihres Vaterhauses ab. Nur der Alte ist noch hartnäckig, wie sein jüngerer Sohn. Seine Augen versengen schier,

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