Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 469

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
469 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101209-3109547--7229-3109605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 469 der österreichischen — auf das heftigste bekämpft wurde, brachte unter den „Poale-Zion" die große Streitfrage über die Beteiligung oder Nichtbeteiligung am zionistischen Kongreß auf die Tagesordnung, sodaß sie von nun an alle bedeutenderen poale-zionistischen Konferenzen beschäftigen und mit eine der Ursachen für die spätere Spaltung der Partei werden sollte. Vorerst wurden freilich die russischen „Poale-Zion" von allen Seiten auf das Illegale und Irrationale ihres Vorgehens hingewiesen. Man behauptete, daß der Beschluß illegal sei, weil über die Beteiligung am zionistischen Kongreß nur eine Delegiertennicht aber eine Parteikonferenz entscheiden könne, man zog die Majorität in Zweifel, mit der der Antrag angenommen worden war, man warf den russischen „Poale-Zion" vor, daß sie den Beschluß gefaßt hätten, nur um den anderen sozialistischen Parteien in Rußland die Reinheit ihrer sozialistischen Gesinnung zu beweisen, man wies auf das Schädliche dieses Beschlusses für die Bewegung der „Poale-Zion" hin, geißelte auch die Tatsache, daß man in demselben Atemzug die Beteiligung am zionistischen Kongreß abgelehnt, hingegen die Zusammenarbeit mit den verschiedensten jüdischen Emigrations- und philanthropischen Gesellschaften beschlossen habe. Die 2. Weltkonferenz der „Poale-Zion" — Krakau 1909 —, die die weitere pflichtmäßige Beteiligung aller poale-zionistischen Landesparteien an der zionistischen Arbeit beschloß, forderte sogar die russische „Poale-Zion" zur Revision ihres Beschlusses bis zur nächsten Weltkonferenz auf. Indessen blieben die Russen doch bei ihrer Meinung. Sie wehrten, mit Borochow an der Spitze, alle Angriffe heftig ab. Sie behaupteten, daß die Hoffnung, die Zionistische Organisation zu demokratisieren, eitle Utopie sei, da diese Organisation als eine rein bürgerliche kein Interesse gerade an der demokratischen Organisationsform habe. Die Kräfte der „Poale- Zion" müßten für den Klassenkampf in Palästina aufgespart bleiben. Ebenso, wie man in der Galuth den Weg einer selbständigen Politik betreten habe, der ebenso oft zum Kampf mit den bürgerlichen Zionisten als zur Mitarbeit mit ihnen führe, ebenso müsse es auch in Palästina sein. Von diesem Standpunkt ausgehend, betrachteten die russischen „Poale-Zion" mit gleich großer Skepsis sowohl den Kampf der damals von den übrigen „Poale- Zion" gegen die Leitung des Jüdischen Nationalfonds wegen der Verwendung seiner Gelder in Tel-Awiw geführt wurde, wie auch den Gedanken einer genossenschaftlichen Kolonisierung Palästinas, der damals im Zusammenhang mit den Plänen Oppenheimers auftauchte und mit der Gründung der ersten Pachtgenossenschaften in Palästina den Weg zur Verwirklichung betrat. Man dürfe dem Nationalfonds, der eine bürgerliche Institution sei, gar nicht vorschreiben, was er mit seinen Geldern zu tun habe, denn die Bourgeoisie habe ihre Institutionen für sich geschaffen und werde sie nicht für sozialistische Einrichtungen hergeben. Und was die Genossenschaften betreffe, so könne man sie ebensogut wie andere Kolonisationsformen verwenden, es sei aber utopisch, auf diesem Wege ein sozialistisches Palästina aufbauen zu wollen: das könne nur im Wege des organisierten Klassenkampfes errungen werden. Es sei daher die bedeutsamste Aufgabe der „Poale-Zion" in Palästina, die Gewerkvereine als Organe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.