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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 466

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
466 (sequence 12)
Language
German
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466 Arjeh Tartakower: immer wieder betont. Auch das jiddische Theater hat seine Entwicklung in erster Reihe den jüdischen sozialistischen Parteien zu verdanken. Der „Bund", der schon seit den ersten Jahren seines Bestehens viel auf dem Gebiete des Theaterwesens tat und die — zumeist illegale — Aufführung verschiedener Dramen — insbesondere Anskis: Die Milchome farn Leben, Hauptmanns: Weber, und Otkave Mirabeaus: Jean und Madeleine — organisierte, ging nach dem Jahre 1905 daran, in verschiedenen Städten dramatische Zirkel zu gründen, die sowohl für die Erziehung der Schauspieler als auch des Publikums viel leisteten. Insbesondere wurden Hirschbeins Dramen aufgeführt. Aus einem derartigen Kreise in Wilna ging die heutige, berühmte Wilnaer Truppe hervor. Doch blieb man hierbei nicht stehen. Von der Erkenntnis, daß die jiddische Sprache die Nationalsprache der Juden sei, bis zur Forderung eines Schulwesens, insbesondere eines Volksschulwesens mit dieser Sprache als Unterrichtssprache, war nur ein Schritt. Er wurde zuerst in Rußland getan, wo der „Bund" den Kampf um die jiddische Volksschule aufnahm. Man suchte dort in erster Reihe die Volksbildungsgesellschaft „Mefize Haskalah", die über bedeutende Mittel verfügte und bis zu jener Zeit eine assimilatorische Politik führte, für den Gedanken zu gewinnen. Man wies auf die große Not des jüdischen Kindes hin, das man zwinge, die ersten wichtigsten Begriffe sich in einer ihm ganz fremden Sprache anzueignen und das man hierdurch einerseits geistig abtöte, während man ihm andererseits die Lust zum Lernen raube. In Aufsätzen, Denkschriften und Broschüren — die wichtigste hiervon ist die Schrift der Bundistin Ester: „Zur Frage der jiddischen Volksschule" — wurde auf das Unnatürliche dieses Zustandes hingewiesen und zugleich die Grundzüge der inneren Organisation der jiddischen Volksschule formuliert. Schließlich stellten die Bundisten im Jahre 1911 auf einer Beratung der „Mefize Haskalah" in Petersburg die Forderung, obligatorische, jiddische Volksschulen auf Staatskosten zu schaffen, die den nationalen Selbst Verwaltungsorganen übergeben werden sollten. Die Schulen sollten rein weltliche und gemeinsame für Knaben und Mädchen sein, alle Lehrgegenstände sollten in jiddischer Sprache unterrichtet und außer Jiddisch sollte nur noch eine Sprache und zwar Russisch oder Polnisch, je nach Wunsch der ortsansässigen Bevölkerung, gelehrt werden. Die gleiche Forderung wurde noch früher durch die jüdischen sozialistischen Parteien in Österreich erhoben, wo sie eine viel realere Grundlage hatte, da dort die Frage der staatlichen Minoritätenschulen auf der Tagesordnung stand und es bloß galt, die Anerkennung der Juden als Nation zu erkämpfen. Doch verlangten dort die „Poale- Zion" die Einfügung auch des Hebräischen in den Lehrplan der Schulen. Während jedoch weder in Rußland noch in Österreich, trotz mancher Stimme, die dazu aufforderte, ein Versuch gemacht wurde, aus eigenen Kräften jüdische Volksschulen zu schaffen, gelang es den „Poale-Zion* in Amerika, bereits im Laufe dieser Periode ein jiddisches Volksschulwesen, wenngleich in nicht ganz vollständigem Ausmaß, ins Leben zu rufen. Die ersten sogenannten „National-radikalen Schulen" wurden von ihnen,

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