Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 465 (sequence 11)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 465 besondere die „Poale-Zion" — seine eifrigsten Verfechter und bekämpften — allerdings ohne Erfolg — die Sabotierung des Gedankens durch die assimilatorischen Gemeindevorstände. Das wichtigste Ergebnis dieser jahrelang in der Presse und in der Öffentlichkeit erörterten Fragen der jüdischen Gemeiridepolitik war das, daß für die Volksmassen, insbesondere aber unter der Arbeiterschaft die Reformbedürftigkeit der jüdischen Gemeinde etwas ganz Klares und Offenkundiges wurde und auch die Richtung der anzustrebenden Reformen feststand. In den Stürmen der Revolutionsjahre während des Krieges und nach dessen Abschluß sollte dann die jahrelange Erziehung der jüdischen Massen in dieser Richtung ihre Früchte tragen. Viel bedeutsamer war die Tätigkeit der jüdischen sozialistischen Parteien auf dem Gebiete der Kulturbewegung, die auch in einem der Länder, in Amerika, bereits in dieser Periode bedeutsame praktische Erfolge erzielte. Man kann ruhig behaupten, daß die Entwicklung der jiddischen Sprache zu einer Kultursprache in der Hauptsache das Werk der jüdischen sozialistischen Parteien ist. Sie waren es, die den Kampf um die Anerkennung der jiddischen Sprache als der jüdischen Nationalsprache in der Galuth innerhalb des jüdischen Volkes selbst aufnahmen. In dieser Beziehung gab es keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Parteien. Selbst der „Bund", der in den ersten Jahren seines Bestehens in der jiddischen Sprache bloß ein Mittel sah, das ihm die Agitation unter der Arbeiterschaft ermöglichen solle, begann seit der Mitte des ersten Jahrzehnts in ihr die Nationalsprache zu sehen, in der es nicht nur zu propagieren, sondern die es auch zu entwickeln und deren Kenntnis es zu fördern galt. Bereits im Jahre 1907 wurde von ihm die Forderung der Anerkennung der jiddischen Sprache als einer nationalen Sprache in Schule, Gericht und öffentlichem Leben erhoben. Allerdings ging beim „Bund" diese Verherrlichung der jiddischen Sprache Hand in Hand mit der Bekämpfung des Hebräischen, dem man jede Existenzberechtigung als lebende Sprache absprechen zu müssen glaubte, während sich die „Poale-Zion" in dieser Beziehung viel zurückhaltender verhielten, schon deswegen, weil die palästinensische Partei bereits kurze Zeit nach ihrem Entstehen — auf ihrer vierten Konferenz — hebräisch als jüdische Nationalsprache anerkannt hatte und auch ein hebräisches Organ herauszugeben begann. Doch waren, wie gesagt, alle sozialistischen Parteien in der positiven Arbeit an der Entwicklung der jiddischen Sprache und der Förderung ihrer Kenntnis einig. Mit unsäglicher Mühe wurde die jiddische publizistische Sprache geschaffen, wobei viele prominente Führer — Borochow, Medem, Grosser — die ihnen fremde Sprache erst erlernen mußten; die jiddische Literatur, deren bedeutendste Vertreter übrigens meist, offiziell oder inoffiziell, in den Reihen der jüdischen Sozialisten standen, wurde mächtig beeinflußt; für die Förderung der allgemeinen Bildung in jiddischer Sprache wurde durch Organisierung von Volksuniversitäten, Kursen, Abendschulen, Vorträgen u. dergl. gesorgt und dabei die Bedeutung der jiddischen Sprache als einer Volkssprache Heft 8. 30