Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 462 (sequence 8)
- Language
- German
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462 Arjeh Tartakower: reform zum Landtag. Es ging hier einerseits um die Demokratisierung der Wahlen, andererseits um Schutz der Interessen der jüdischen Bevölkerung, die bisher immer den nationalen Kämpfen zwischen Polen und Ukrainern zum Opfer gefallen war. Auch da fiel die Hauptlast des Kampfes auf die sozialistischen Parteien, während sich die bürgerlichen Parteien mehr oder weniger zurückhielten. Zunächst wurde die Parole der allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlen in die Massen geschleudert. In zahllosen Versammlungen und Proklamationen sowie in der Presse — insbesondere im Organ der „Poale-Zion", dem ,, Jüdischen Arbeiter", und dem Organ der Z. P. S., dem „Sozialdemokrat" — wurde diese Forderung immer wieder erhoben, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Für den Fall der Schaffung nationaler Kataster, wurde — insbesondere von den „Poale-Zion" — die Einrichtung auch eines jüdischen nationalen Katasters verlangt, um auch dem dritten Volk in Galizien seine Stimme zu wahren. Als dann der Wahlreformentwurf erschien, wurde eine starke Vermehrung der Mandate in der städtischen allgemeinen Kurie und gerechte Verteilung der Mandate, sowie Schaffung von Wahlkreisen mit überwiegender jüdischer Majorität verlangt, um der jüdischen Bevölkerung eine entsprechende Vertretung im Landtag zu sichern. Tatsächlich machten alle diese Forderungen großen Eindruck, insbesondere auf die jüdische Öffentlichkeit, und trugen viel zur nationalen Erziehung der jüdischen Massen in Galizien bei. Die Durchführung all dieser Aktionen, bei denen, wie auch bei den nachfolgenden Wahlen zum Landtag und zu einigen Gemeinderäten — insbesondere in Lemberg — die beiden sozialistischen Parteien sehr oft identische Forderungen erhoben und Hand in Hand arbeiteten, führten eine große Annäherung zwischen den beiden Parteien herbei. Bereits bei den Reichstags wählen im Jahre 1911 wurden einige Versuche gemacht, einen Block zwischen den beiden Parteien zustande zu bringen. In der Folgezeit tauchte bei den ,,Poale-Zion", im Zusammenhang mit den damals in Amerika und in Wien geführten Vereinigungsverhandlungen, der Gedanke der Vereinigung der beiden Parteien in Galizien auf, doch fand er bei den Z. P. S. nur eine sehr kühle Aufnahme und wurde nach der Vereinigung der Z. P. S. mit der jüdischen Sektion der P. P. S. D., die eine Abschwächung der nationalen Aktivität der Z. P. S. mit sich brachte, ganz aufgegeben. Die Tätigkeit des Reichsrats und des Landtags wurde von den beiden Parteien mit großem Interesse beobachtet. Fragen der Sozialversicherung, der Zwangssonntagsruhe, Maßnahmen zur wirtschaftlichen Hebung der jüdischen Bevölkerung in Galizien usw. wurden in der Parteipresse lebhaft erörtert. Nach dem Erscheinen der sozialpolitischen Gesetze wurde um ihre Durchführung in bezug auf die jüdische Arbeiterschaft viel gekämpft. Besonders heftig war der Kampf um Verwirklichung der 8 Uhr- Sperre im Handelsgewerbe, der von den beiden Handelsangestelltenorganisationen geführt wurde, von denen die eine, die an den Wiener Zentralverband angeschlossen war, unter dem Einfluß der Z. P. S., die andere, die unabhängig