Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 461 (sequence 7)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 461 ihnen und. den jüdischen Volksmassen in Rußland zuzuschreiben war. Anders war die Lage in Österreich. Hier war die jüdische sozialistische Bewegung — sowohl die der Z. P. S. als auch die der „Poale-Zion" — in der Hauptsache in Galizien konzentriert und stand in einer viel näheren Ver-* bindung mit dem Volk, schon deswegen, weil allgemeine nationale Forderungen — Erkämpfung der Gleichberechtigung der jiddischen Sprache, Anerkennung der Juden als Nation, Erlangung staatlicher Minoritätsschulen — eine sehr bedeutende Rolle in ihrem politischen Aktionsprogramm spielten. Die „Poale-Zion" gingen übrigens in den ersten Jahren ihres Bestehens Hand in Hand mit der zionistischen Partei — so insbesondere bei den Reichstagswahlen im Jahre 1907 — und begannen erst gegen das Ende des Jahrzehnts eine selbständige Politik zu führen. Das erste bedeutsame Auftreten der jüdischen sozialistischen Parteien in Österreich geschah bei der Volkszählung im Jahre 1910. Es gelang ihnen — insbesondere den „Poale-Zion" — damals, die zaudernden bürgerlichen Parteien zum mutigen Auftreten im Kampf um die Anerkennung der jiddischen Sprache als Umgangssprache der jüdischen Massen zu gewinnen. Tatsächlich wurde die ganze Aktion von den jüdischen sozialistischen Parteien geführt und bedeutete eine gewaltige Demonstration gegen die Assimilierungstendenzen der österreichischen Zentral- und der galizischen Landesbehörden. Kurze Zeit darauf griffen die „Poale-Zion" wiederum zum Mittel der öffentlichen Demonstrationen, um gegen das Vorgehen des sozialistischen Klubs im Reichstag, der in einem Antrag die Gründung von staatlichen Minoritätsschulen für alle österreichischen Völker verlangte, die Juden aber nicht unter diesen aufzählte, zu protestieren. Sowohl in der Presse als auch in zahlreichen Versammlungen wurde zu dieser Frage Stellung genommen und die Schaffung von Schulen mit jiddischer Unterrichtssprache für die Juden verlangt. Besonders aktiv traten aber die jüdischen sozialistischen Parteien anläßlich der Reichsratswahlen im Jahre 1912 sowie der kurz darauf einsetzenden Aktion zur Durchführung einer Wahlreform zum galizischen Landtag auf. Während die Z.P.S. bei den Reichsratswahlen die sozialistischen Kandidaten unterstützten, beschlossen die „Poale-Zion", eine selbständige Politik zu führen, und obwohl sie, in Erkenntnis ihrer zahlenmäßigen Schwäche, und um die Stimmen nicht noch mehr zu zersplittern, keine eigenen Kandidatenlisten aufstellten, so unterstützten sie doch in der Hauptsache nur solche Kandidaten, die sich rait ihren Postulaten einverstanden erklärten. Im allgemeinen wurden von ihnen sozialistische Kandidaturen, sowie solche von zionistischen Demokraten unterstützt, wobei sich das Zentralkomitee die Entscheidung vorbehielt in Fällen, wo ein sozialistischer und ein zionistischer Kandidat einander gegenüberstanden. Die ganze jüdische Arbeiterschaft wurde in die Wahlbewegung hineingezogen und nahm an ihr auch den kräftigsten Anteil. Sowohl die eine als auch die andere Partei nützten übrigens die Wahlagitation zur Verbreitung und Popularisierung ihres Parteiprogramms aus. Noch intensiver wurde die Tätigkeit anläßlich der Wahlrechts-