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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 460

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
460 (sequence 6)
Language
German
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460 Arjeh Tartakower: das um so mehr, als die maßlos gestiegene Welle des Antisemitismus schließlich auch die jüdische Arbeiterschaft erreichte, sich nicht mit dem Boykott gegen die jüdischen Händler begnügte, sondern begann, die Boykottparole auch auf die jüdische Arbeiterschaft zu erstrecken. So mehrten sich gewaltsame Austreibungen jüdischer Arbeiter durch polnische aus Werkstätten und Fabriken sowie Streiks gegen solche Unternehmer, die jüdische Arbeiter zu beschäftigen wagten. Gegen diese traurigen Erscheinungen traten alle jüdischen sozialistischen Parteien mit großer Entschiedenheit auf. Während jedoch der ,,Bund", der diese Frage auf zwei Parteikonferenzen — Juli 1911 und Juni 1912 — behandelte, auch darin eine Folgeerscheinung des Kapitalismus und daher die Lösung der Frage in der Stärkung des Klassenbewußtseins und in der Bildung internationaler Gewerkschaften sah, sich dabei freilich scharf gegen die schwankende Haltung der P. P. S. und der P. S. D. aussprach, wandten sich die anderen jüdischen sozialistischen Parteien direkt gegen die antisemitische Arbeiterschaft. Auf ihrer 6. Parteikonferenz erklärten die russischen „Poale-Zion", daß sie jene Arbeiter, die die jüdischen Arbeiter von ihrem Arbeitsplatz verstoßen, als Streikbrecher betrachten würden und daß die Bekämpfung derartiger Schädlinge mit allen möglichen Mitteln ohne Rücksicht auf irgendwelche Klassensolidarität gestattet sei. Übrigens wurde auch die Aufmerksamkeit der internationalen sozialistischen Welt auf diese traurige Erscheinung gelenkt. Die Schwäche der jüdischen sozialistischen Parteien, die sich bereits bei den Wahlen zur zweiten Duma, noch mehr aber bei denen zur dritten gezeigt hatte, brachte einige von ihnen auf den Gedanken, unparteiische jüdische Arbeiterräte zu bilden, zunächst für die Wahlen, wobei jedoch von vorneherein die Notwendigkeit der Beibehaltung solcher Räte auch für die Zukunft zur Durchführung gewisser Aktionen im Interesse der gesamten jüdischen Arbeiterschaft betont wurde. Doch gelang es trotz vieler zustimmender Meinungsäußerungen aus allen jüdischen sozialistischen Parteien nicht, den Gedanken zu verwirklichen. Zu groß war der Antagonismus zwischen den verschiedenen Parteien, die sich auch während der Wahlen erbittert und schonungslos bekämpften. Sogar Blocks zwischen jüdischen sozialistischen Parteien kamen nur äußerst selten zustande, während hingegen Blocks zwischen jüdischen und allgemeinen sozialistischen Parteien, insbesondere zwischen den Sejmisten und den S. R. einerseits, und dem „Bund" und der R. S. D. A. P., sowie dem „Bund" und der linken Fraktion der P. P. S. — z. B. bei den Wahlen zur vierten Duma — eine ziemlich häufige Erscheinung waren. Im allgemeinen war also der Einfluß der jüdischen sozialistischen Parteien auf das politische Leben in Rußland, trotzdem sie ein sehr großes Kontingent an politischen Verbrechern stellten — nach den Aufzeichnungen in den Petrograder polizeilichen Archiven sind 15 000 jüdische Arbeiter und Arbeiterführer wegen ihrer revolutionären Tätigkeit zur Verantwortung gezogen worden — nicht sehr groß, was einerseits ihrem rapiden Niedergang in der Reaktionsperiode, anderseits dem mangelnden Zusammenhang zwischen

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