Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 459 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 459 mehr ein. Man gab im Ausland die „Otkliki Bunda" (russisch), in Rußland ganz kurze Zeit die Organe „Nasche Slowo" und „Nascha Tribuna" (beide russisch) und in jiddischer Sprache einige Nummern „Die Stimme vun Bund" heraus, daneben nur periodische Sammelbücher unter den verschiedensten Bezeichnungen — „Neue Zeit", „Zeitfragen", „Fragen vun Leben". Im Jahre 1912 wurde der Versuch gemacht, ein neues Zentralorgan in Warschau, die „Lebensfragen", herauszugeben, wobei sich das Redaktionskollegium — Medem, Grosser, Abramowitsch, Litwak — in Wien befand. Doch wurde sowohl die erste als auch die zweite Nummer von den Behörden konfisziert und hierauf die Zeitschrift unterdrückt. Sie sollte erst im Jahre 1916 wiederum zu erscheinen beginnen. Erst knapp vor dem Ausbruch des Weltkriegs begann das Zentralorgan des „Bund", die „Zeit" — später „Unser Zeit" — in Petersburg zu erscheinen. Die Presse der russischen proletarischen zionistischen Parteien während dieser Periode war vollends nicht der Rede wert. Die S. S. versuchten in Wien ohne Erfolg zwei Zeitschriften „Jüdisches Freiland" und „Der Morgen" zu erhalten, den „Poale-Zion" gelang es kaum, einige Nummern des Organs „Das freie Wort" herauszubringen. Auch ihnen gelang es erst kurz vor dem Ausbruch des Weltkriegs, ihr Organ: das „Wort" in Petersburg ins Leben zu rufen. Die große Schwächung der jüdischen sozialistischen Parteien in Rußland mußte notgedrungen auch ihre politische Tätigkeit beeinflussen. Wenngleich das Interesse für die politischen Vorgänge in Rußland, insbesondere für den heldenmütigen Kampf der sozialistischen Fraktion in der Duma auch weiterhin sehr rege blieb und politische Fragen, ebenso die im Laufe der Tätigkeit der Duma entstandenen Gesetzesprojekte sozialen Inhaltes wie solche, die die jüdische Bevölkerung betrafen — Sozialversicherung, Zwangssonntagsruhe, Abschaffung der Tscherta — in der Parteipresse breit und lebhaft besprochen wurden, so konnte doch von einem aktiven Hervortreten auf diesem Gebiete kaum die Rede sein. Erst gegen Ende dieser Periode zeigten sich Anzeichen einer neuerlichen Aktivität. So organisierten sowohl der „Bund" als auch die ,„Poale-Zion" Protestversammlungen gegen das projektierte Gesetz über die städtische Selbstverwaltung in Polen, das die Juden zu Bürgern zweiter oder gar — wenn man die Bevorzugung der Russen in Betracht zog — dritter Klasse herabdrückte. Auch bei den Wahlen zur vierten Duma traten die jüdischen sozialistischen Parteien mehr hervor. Der Sieg des polnischen Arbeiters Jagiello in Warschau gegen den Antisemiten Kucharzewski war zum großen Teil der Agitation der jüdischen sozialistischen Parteien zu verdanken. Eine weitere Erscheinung, die alle jüdischen sozialistischen Parteien zum aktiven Hervortreten zwang, war die Boykotthetze gegen die Juden in Kongreßpolen, die dort in den Jahren 1912—13 herrschte und der sehr viele jüdische Existenzen zum Opfer fielen. Man protestierte laut gegen diesen unerhörten Auswuchs des Chauvinismus und machte die internationale sozialistische Bewegung auf die Vorgänge in Polen aufmerksam. Man tat