Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 458 (sequence 4)
- Language
- German
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458 Arjeh Tartakower: sichten. Nach den großen Verfolgungen der Jahre 1908—9 erlahmte die jüdische sozialistische Bewegung in Rußland unter dem immer stärker werdenden Druck der Reaktion fast vollständig. Die Zentralkomitees der S. S., der Sejmisten und der „Poale-Zion" mußten, nachdem ein großer Teil ihrer Mitglieder verhaftet worden war, ihren Sitz ins Ausland verlegen, von wo aus die Bewegung in Rußland nur äußerst schwer geleitet werden konnte. So wuchs denn die Desorganisation immer mehr, und die Mitgliederzahl nahm rapid ab. Die S. S., deren Mitgliederzahl knapp nach Abschluß der russischen Revolution im Jahre 1907 — nach ihren eigenen Angaben —■ 27 000 betrug, hörten im Laufe der Reaktionsjähre als Partei fast zu existieren auf, und sollten auch in Zukunft — abgesehen von der kurzen Blüteperiode in der Ukraine in den Jahren 1917—1918 — nie wieder ihre vorherige Bedeutung erlangen. Auch die Partei der ,,Poale Zion", die sich nach ihrer Gründung im Jahre 1907 anfangs rasch entwickelte, begann kurze Zeit darauf, als die bedeutendsten Führer — Borochow, Zerubawel, Ben-Zwi, Blumenfeld — ins Ausland flüchten mußten, ebenso rasch zu zerfallen. Die Partei, die als die Mutterpartei aller übrigen „Poale-Zion"-Parteien der Welt bezeichnet werden kann, sank in den Jahren 1909—12 zu der zahlenmäßig fast unbedeutensten Landespartei herab. Ihre Mitgliederzahl betrug knapp vor dem Ausbruch des Weltkriegs kaum mehr als 600, während die Partei in Österreich 1000, jene in Amerika 1200 Mitglieder zählte; insgesamt betrug die Zahl der organisierten „Poale-Zion" vor dem Weltkrieg an 3000. Obwohl die russische Gruppe bei den Weltkonferenzen der „Poale-Zion" immer als eine der vier hervorragendsten Landesparteien — Österreich, Amerika, Rußland und Palästina — bezeichnet wurde und eine dementsprechende Stimmenzahl — auf der 4. Weltkonferenz sieben gleich Österreich, Amerika und Palästina — besaß, so war sie doch in Rußland selbst fast ohne Bedeutung. Auch die ihr von den übrigen poalezionistischen Parteien gewährte Unterstützung konnte daran nur wenig ändern. Der Zerbröcklungsprozeß verschonte aber auch den „Bund" nicht. Die stolze Partei, die sich als die einzige Vertreterin des jüdischen Proletariats bezeichnete und im Jahre 1907 — wiederum nach ihren eigenen Angaben — eine Mitgliederzahl von 35 000 erreicht hatte, vermochte bei Abschluß der Reaktionsperiode im Jahre 1912 kaum einige aktive Ortsgruppen — Lodz, Pinsk, Hornel, Grodno, Bobruisk und Riga — zu verzeichnen, hatte gegen Verräter und Provokateure innerhalb der eigenen Reihen anzukämpfen — der bekannteste Fall ist der des Provokateurs Israel Mechel Kaplinski, der von Burzer entlarvt wurde, sich aber dem Parteigericht entzog und erst im Jahre 1917 nach dem Ausbruch der Revolution in Rußland von den Bolschewiken verhaftet und standrechtlich erschossen wurde — und kämpfte mit der größten Anstrengung um die Erhaltung ihrer Presse und ihres Schrifttums. Nachdem ihr Zentralorgan, die ,,Volkszeitung'im Jahre 1907 eingegangen war und die Versuche, sie unter einer anderen Bezeichnung — „Hoffnung", „Morgenstern" — herauszugeben, gescheitert waren, schrumpfte die Presse des „Bund" immer