Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 457 (sequence 3)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 457 begann die Periode der Wahlen. Zu jener Zeit hatten sich bereits die proletarischen zionistischen Parteien herausgebildet, sie machten die Wahlagitationen und die damit verbundenen Kämpfe und Verfolgungen mit. Bei den Wahlen zur i. Duma wurde von allen jüdischen sozialistischen Parteien — wie übrigens auch von den russischen sozialistischen Parteien — das Schlagwort des aktiven Boykotts in die Arbeitermassen geschleudert. Man glaubte einerseits noch immer an das Herannahen der sozialen Revolution, andererseits befürchtete man, daß infolge des aktiven Eingreifens der russischen Regierungsbehörden in die Wahlaktion eine reaktionäre Duma gewählt werden könne. So sollte sich denn die jüdische Arbeiterschaft nicht nur an den Wahlen nicht beteiligen, sondern sie auch bekämpfen und, wenn angängig, unmöglich machen. Tatsächlich führte die jüdische Arbeiterschaft diese Parole auch aus und setzte sich dadurch in Gegensatz zu den Massen der jüdischen kleinbürgerlichen Bevölkerung, die unter dem Schlagwort der Erkämpfung der Gleichberechtigung in den Wahlkampf zogen. So kam es denn oft zu Schlägereien zwischen der Arbeiterschaft und den jüdischen Wählern. Überfälle auf die Wahllokale, Verprügelung der Wähler und Vernichtung von Wahllisten, sowie das Auseinandertreiben von Wählerversammlungen waren auf der Tagesordnung, was naturgemäß sehr zur Verschlimmerung der Beziehungen zwischen der jüdischen Arbeiterschaft und der übrigen jüdischen Bevölkerung beitrug. Indessen änderte sich diese Taktik der jüdischen sozialistischen Parteien bereits bei den Wahlen zur 2. Duma, da sich gezeigt hatte, daß die 1. Duma trotz allen Befürchtungen doch recht fortschrittlich gewesen war. So traten denn alle vier jüdischen sozialistischen Parteien im Wahlkampf mit eigenen Kandidatenlisten auf und wiederholten diesen Vorgang, trotz mancher Opposition im Innern der Parteien, auch bei den Wahlen zur dritten und vierten Duma. Eine jede der Parteien hielt sich in ihren Wahlproklamationen an ihr Parteiprogramm, doch wurden — was sich besonders auffallend beim „Bund" zeigte — spezifisch jüdische Forderungen viel stärker als die sozialistischen hervorgestrichen, um möglichst viel jüdische Stimmen für sich zu gewinnen. Indessen gelang es doch bei keiner einzigen der Wahlaktionen, jüdischsozialistische Mandate in der Duma zu erlangen. Wenngleich diese Mißerfolge zum großen Teil auf die Schikanen der Regierungsbehörden zurückzuführen waren, die ihnen mißliebige Kandidaten einfach aus den Wählerlisten strichen — auf diese Weise gingen bei den Wahlen zur zweiten Duma die Mandate des Bundisten Abramowitsch und des Sejmisten Ratner verloren, deren Wahl fast als sicher galt — so zeigte sich darin doch auch der geringe Einfluß der jüdischen sozialistischen Parteien auf die jüdischen Volksmassen, für die die Wahlen zur Duma bloß eine Etappe im Kampf um die Gleichberechtigung bedeuteten und die vor den radikalen Losungen der sozialistischen Parteien, insbesondere vor deren Bekämpfung der bestehenden Herrschaftsform, zurückschreckten. Bei den Wahlen zur dritten und vierten Duma hatten übrigens die jüdischen sozialistischen Parteien, die damals bereits bedeutend geschwächt waren, von vorneherein keine Aus-