Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 456 (sequence 2)
- Language
- German
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456 Arjeh Tartakower: nach einer kurzen Zeit dazu, in ihrer Palästina- und Galutharbeit zwei gleichwertige Faktoren zu sehen, und widmeten sich mit gleicher Energie der einen wie der anderen. So zeichneten sich denn alle jüdischen sozialistischen Parteien durch große Aktivität auf dem Gebiete der politischen Tätigkeit aus. Allerdings nahm diese Tätigkeit nur in zwei Ländern, in Rußland und in Österreich, selbständige Formen an. In England und in Amerika — natürlich auch in allen anderen Ländern — war die jüdische sozialistische Bewegung viel zu schwach, um ein erfolgversprechendes selbständiges Auftreten möglich zu machen. Die jüdischen sozialistischen Parteien in jenen Ländern beschränkten sich darauf, die sozialistischen Landesparteien in ihrer politischen Tätigkeit, insbesondere bei Wahlen, zu unterstützen. In Rußland war der „Bund" die unstreitig führende Partei auf dem Gebiete der politischen Tätigkeit. Seines mutigen Kampfes, der sich, solange es in Rußland keine Konstitution gab, in der Hauptsache in Demonstrationen und politischen Streiks manifestieren konnte, wurde bereits gedacht. In den Revolutionsjahren 1905—06 erreichte der „Bund" den Glanzpunkt seiner politischen Tätigkeit. Viel half ihm dabei die Bewegungsfreiheit, deren er sich damals für eine kurze Zeit erfreuen konnte. Bereits nach den ersten revolutionären Ereignissen begannen die Publikationen des „Bund", insbesondere der „Warschauer Arbeiter", offen zu erscheinen. Man liquidierte die geheimen Druckereien, da nunmehr jede Druckerei die Herausgabe sozialistischer Schriften übernahm. In Warschau wurde ein offener sozialistischer Verlag „Arbeiterstimme" begründet, der eine Reihe sozialistischer Schriften herausgab. So setzte die Periode der freien Vereins- und Versammlungstätigkeit und der freien Presse ein. Nach den blutigen Januarereignissen des Jahres 1905 organisierte der „Bund" im Verein mit der P. S. D. und den linken P. P. S. gewaltige Demonstrationen und politische Streiks in allen größeren Städten — Warschau, Kowno, Lodz, Bialystok — sowie den allgemeinen Streik des Bundes der Bürstenarbeiter. Diese Demonstrationen wurden dann im Jahre 1906, nachdem bereits die Periode der Freiheit zum größten Teil vorbei war, anläßlich des Pogroms in Bialystok wiederholt. Man sah damals mit Recht im „Bund" die führende Partei des russischen Proletariats. Die von ihm in die jüdische Arbeiterschaft geschleuderten revolutionären Losungen fanden eine überaus günstige und begeisterte Aufnahme. Während die polnische Arbeiterschaft dem Ruf zu Demonstrationen oder politischen Streiks manchmal nur zögernd Folge leistete, versagte die jüdische Arbeiterschaft in solchen Fällen nie. Die große Aufklärungsarbeit der früheren Jahre zeitigte in den Revolutionsjähren glänzende Resultate; Übrigens hatte der „Bund" Gelegenheit, auch als Vertreter der jüdischen Interessen aufzutreten. Als der Minister des Innern Buligin seinen reaktionären Wahlrechtsentwurf zur Duma veröffentlichte, der die Juden fast gänzlich des Wahlrechts beraubte, organisierte der „Bund" im ganzen Rayon seiner Tätigkeit einen Generalstreik, der glänzend gelang und einen überaus großen Eindruck machte. Und dann