Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 455 (sequence 1)
- Language
- German
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Arjeh Tartakower: Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 455 ARJEH TARTAKOWER / ZUR GESCHICHTE DES JÜDISCHEN SOZIALISMUS IV. Die innere Entwicklung bis zum Ausbruch des Weltkrieges. C. Allgemeine politische und innerjüdische Tätigkeit. Die allgemeine politische Tätigkeit der jüdischen sozialistischen Parteien war einerseits durch ihr Wesen als sozialistische Parteien, andererseits aberdurch ihre unbedingte Galuthbejahung gegeben. Als sozialistische Parteien verfolgten sie, wenn auch sehr oft selbständig, dieselben Ziele wie die anderen sozialistischen Parteien: Demokratisierung der Gesellschaft, Erkämpfung der Arbeiterschutzgesetzgebung, Bekämpfung der Reaktion, in welcher Form sie sich auch zeigen mochte — dies alles war auch in den Programmen der jüdischen sozialistischen Parteien vorgeschrieben und beeinflußte deren tagtägliche Taktik in starkem Maße. Aber auch ihre Einstellung zu jüdischen Fragen drängte die jüdischen Sozialisten viel stärker als die übrigen Teile des jüdischen Volkes auf die Bahn der politischen Tätigkeit. Der ,,Bund" sah überhaupt keine andere Lösung der Judenfrage als die der Erkämpfung voller bürgerlicher und nationaler Gleichberechtigung in allen Ansiedlungsländern. Die anormale Lage des jüdischen Volkes schien ihm einzig und allein eine Auswirkung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu sein, die zugleich mit ihr verschwinden werde. In Rußland insbesondere schrieb er den Antisemitismus der herrschenden despotischen Staatsform zu und glaubte, daß der Sturz der Zarenherrschaft auch dem Antisemitismus ein Ende machen werde. So bedeutete denn dem „Bund" seine allgemeine politische und sozialistische Tätigkeit zugleich eine Tätigkeit im Interesse der jüdischen Massen, was auch immer wieder betont wurde. Aber auch die proletarischen zionistischen Parteien, die an keine Möglichkeit der Lösung der Judenfrage in der Galuth glaubten, waren doch von allem Anfang an mit ganz geringen Ausnahmen weit davon entfernt, eine Notwendigkeit der Bestrebungen zur Besserung der Lage der jüdischen Massen in der Galuth zu bestreiten. Und je mehr sich die Parteien innerlich entwickelten, desto tiefer und fester wurde die Erkenntnis, daß man ein positives Programm der Galutharbeit und zwar sowohl der allgemein politischen wie auch der innerjüdischen aufstellen müsse. Für die Sejmisten war die Priorität der Galutharbeit bereits durch ihr Programm gegeben. Die S. S., deren Territorialismus infolge der mangelnden realen Basis ein ziemlich schwankender war und — abgesehen von den Arbeiten für die Einberufung eines jüdischen Emigrationskongresses — sich in der Hauptsache auf theoretische Untersuchungen beschränkte, führten von allem Anfang an leine rege politische Tätigkeit, der sie auch ihre rasche Entwicklung in den ersten Jahren zu verdanken hatten. Und auch die „Poale-Zion" gelangten bereits