Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Seew Wolf Jawitz
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 431 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101208-3109464--7184-3109539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau: Geschichte 43i der europäischen Kultur übernehmen: die Gewöhnung zur Ordnung, zum geregelten sozialen Leben, zur breiten gewerblichen Tätigkeit, zur bürgerlichen Disziplin'. Ja, selbst die Emanzipation und Assimilation, die so verhängnisvolle Wirkungen für die Juden hatten, hätten das Gute, daß sie ihnen das Bewußtsein der eigenen Würde, des bürgerlichen Mutes und des Patriotismus vor Augen geführt, die wohl zunächst fremden Interessen dienten, aber in Erez Israel dem eigenen Volke zugute kommen werden. (Siehe über das Gesagte: ,,Haarez" 3. Heft, S. 101—7, ferner „Pri haarez" 1. Heft, S. 1—14). Zu dem Besten, das Jawitz geschaffen hat, gehören seine Lehrbücher und Lesebücher für die Jugend, wie ,,Sichoth mine kedem", ,,tal hajalduth", „hamoriah" usw., die durch ihren schönen Stil und das so reichhaltige Material große Verbreitung gefunden und mehrere Auflagen erlebt haben. Weniger glücklich war sein Versuch, die thalmudischen Legenden in Versform wiederzugeben (neginoth mine kedem, Warschau 1892). Die Einführung des Hexameters in die hebräische Metrik hat die Verse nur schwerfällig und zur Deklamation völlig ungeeignet gemacht. Auch aus dem Leben der ersten palästinensischen Pioniere hat Jawitz Schilderungen veröffentlicht, die in etwas naiver Form das idyllische Leben auf der Väterscholle im Gegensatz zu dem Ghettoleben in Rußland darstellen. Im Jahre 1897 verließ Jawitz Palästina und kehrte nach Rußland zurück. Er geborte zu den Ersten, die dem Ruf H e r z 1 s folgten. Bald darauf gründete er im Verein mit Reines, Rabinowitz und anderen die zionistische Fraktion ,,Misrachi", deren Blatt „Hamisrach" er redigierte. Seit dieser Zeit wechselte er wiederholt seinen Wohnsitz (Berlin, Wilna, Antwerpen, zuletzt London). Nach der Rückkehr aus Palästina widmete er den größten Teil seiner Kraft Geschichtsstudien. Er verfaßte ein Lehrbuch der Völkergeschichte, das in mehreren Auflagen erschienen ist und bereits in Palästina kegonnenwordenwar, ein jüdisches Geschichtslesebuch und schließlich eine ausführliche Darstellung der jüdischen Geschichte, von der zehn Bände bis zur Epoche der Geonim fertig gestellt sind. Der zehnte Band befindet sich zur Zeit im Druck. Wenn man nicht gerade auf Ja- Wltz' Standpunkt eingeschworen ist, so wird man nicht umhin können, festzustellen, daß seineLeistungenals Historiker allzu stark durch die oft geradezu auf dringliche Tendenz getrübt erscheinen. Denn Jawitz schreibt nicht Geschichte um ihrer selbst willen, sondern um seine Leser im Sinne des orthodoxen Standpunktes zu beeinflussen. Schon die volkstümliche Darstellung der jüdischen Geschichte „diwre hajamim leam bnejisrael" zeigt dies sehr deutlich, besonders in dem Teile, welcher die Darstellung der Neuzeit enthält. Einige Beispiele: Als Zunz' größtes Verdienst sieht Jawitz es an, daß er in den letzten Lebensjahren der Reform entsagt hat. Samson Raphael Hirsch wird als einer der größten wissenschaftlichen Geister des 19. Jahrhunderts bezeichnet, dem gegenüber Jost, Geiger u.a. vollkommen verschwinden. Der Sohn des Wilnaer Gaon wird als der Vater der modernen Kritik hingestellt, der Bruder des Gaon als berühmter Astronom und Grammatiker des Arabischen und Syrischen gefeiert. Jizchak BenLevinsohn gilt dem Autor als gemäßigter Reformer mit stark konservativen Neigungen. Von verschiedenen apodiktischen Behauptungen, von größeren oder kleineren Unrichtigkeiten, z. B. über die russische Judengesetzgebung soll hier weiter nichts gesagt werden. Es ist verständlich, daß dieses Werk durch seine überaus fließende Darstellung, in einem leichten und schönen Stil geschrieben, nicht nur bei den Gesinnungsgenossen desVerfassers,sondern auch in weiteren Kreisen Anklang gefunden hat. Aber wenn schon hier die angedeutete Tendenz allzu stark sich bemerkbar macht, so gilt dies doppelt von der Darstellung der biblischen und thalmudischen Epoche. Freilich mit einem Unterschied, der sehr zu Gunsten des Verfassers spricht. Jawitz beherrscht, namentlich soweit die jüdischen Urquellen in Frage kommen, den Stoff in erheblich weiterem Maße, als seine Vorgänger, besonders auch als G r a e t z , und es ist kein Zweifel, daß z. B. das Bild, welches er vom Thalmud und von den in jener Periode wirkenden Persönlichkeiten entworfen hat, ungleich reichhaltiger und wertvoller ist als die gleiche Darstellung bei Graetz. Jawitz' Freunde und Verehrer haben immer betont, daß seine Aufgabe viel schwieriger sei als die solcher Historiker, die sich, wie Zunz, Jost, Geiger, Graetz, Weiß und andere, nicht durch religiöse Hemmungen gebunden fühlten. Denn Jawitz mußte jedes Problem von neuem durch das Medium seiner Weltanschauung prüfen und mußte versuchen, die offenbaren Gegensätze durch Vereinigung oft heterogener Elemente zu unterdrücken. So betrachtet, mag das