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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 430

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Seew Wolf Jawitz
Date
1924-01-01
Page
430 (sequence 2)
Language
German
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430 Umschau: Geschichte läge der mündlichen Lehre bildet. Ist die erste der Körper, so ist die zweite die Seele, welche die Kraft dieses Körpers belebt." Jawitz' Urteil über Mendelssohn ist vielleicht bedingt richtig, sicherlich aber nicht in allen Einzelheiten leicht beweisbar, obschon an einer gewissen konservativen Grundstimmung Mendelssohns kein Zweifel besteht. Aber unmöglich kann auch bei dieser Einschätzung Moses Mendelssohns das Tun und Treiben seiner Schüler von dem Historiker so gewertet werden, wie es Jawitz in seinem Aufsatze tut. Denn alle Freidenker, wie MarcusH erz,HerzHombergu. a. sind für Jawitz nichts weiter als Scharlatane, ja, er geht soweit, rundweg zu erklären, daß Goethe und Henriette Herz die Hauptförderer der Sittenverderbnis und moralischen Laszivitäten gewesen seien. Der größte und idealste Denker der Mendelssohnschen Epoche ist nach Jawitz Auffassung der Wilnaer Gaon. Als Quintessenz seiner Ausführungen ergibt sich, daß der Preis für die Emanzipation des westeuropäischen Judentums, die Assimilation und Selbstaufopferung, der Verlust der Religion und nationalen Eigenart, gewesen sind. Im Beginn der 90 er Jahre siedelte Jawitz nach Palästina über. Es ist noch nicht ganz geklärt, welche Aufgaben er sich dort gestellt hatte, und inwieweit seine Beziehungen zu Baron Rothschild seine Übersiedlung nach Palästina beeinflußt haben. Jedenfalls gab er in Palästina eine periodisch erscheinende Zeitschrift „Haarez" heraus, deren spätere Folgen „Jeruscholajim", „Pri haarez", ,,Geon haarez" betitelt waren. In diesem Organ, das der Verbreitung der Palästinaidee gewidmet war, hat Jawitz seine in dem erwähnten Aufsatze vertretenen Grundgedanken — in gewissem Sinne durch S. D. Luzzatos Geist beeinflußt — entwickelt. Sein Appell an die Juden der Welt, nach Palästina zurückzukehren, gilt nicht allein dem Ziele, dort ein Gemeinschaftsleben aufzurichten, sondern vor allem der Idee einer religiösen Erneuerung auf der Grundlage der biblischen und rabbinischen Überlieferung. Er ist dabei aber keineswegs, wie ihm in übertriebener Kritik von Seiten der eingeschworenen Maskilim vorgeworfen worden ist, lediglich ein Vertreter der mittelalterlichen Kultur. Auch er zeigt ein tiefes Verständnis dafür, daß die Juden durch ihr Leben in Palästina das Gefühl der Würde und der Unabhängigkeit wieder erlangen, allerdings immer mit der einen Einschränkung, daß das Leben sich im Geiste des Schulchan Aruch vollziehen müßte, in strenger Erfüllung der biblischen und rabbinischen Gebote. Versteht sich, daß aus solcher Betrachtungsweise heraus ihm der Wert der europäischen Emanzipation sehr problematisch erscheint, wie er überhaupt die ganze europäische Kultur mit größter Skepsis und vielleicht auch etwas zu scharf durch eine moralisierende Brille zu sehen pflegt. Wohin er auch blickt, wähnt er in der ganzen europäischen Kultur nichts als Fäulnis. Und als der Übel Schlimmstes betrachtet er, daß Europa die sinnenfrohe, hellenische Kultur wieder übernommen hat und unter dem Deckmantel blendender Aushängeschilder, wie Renaissance, Humanismus, Freiheit, Kosmopolitismus seine eigene innere Nichtigkeit zu verbergen sucht. Als Europa merkte, daß in seiner Mitte der Träger einer ganz andern, ja, einer der hellenistischen Weltanschauung direkt entgegengesetzten Richtung lebt: das jüdische Volk, wurde es sich dieses Antagonismus bewußt, und die Folge war das Aufeinanderprallen der beiden fremden Kulturen. Das war der Ursprung des europäischen Antisem itismus. Dem jüdischen Geiste bleibt, um dem dekadenten Europa zu entgehen, nur ein Ausweg: die Flucht nach der historischen Wiege, nach Asien. Jawitz betrachtet es gleichsam als einen Fingerzeig Gottes, daß in der Zeit der Entstehung der neuen europäischen Kultur, im Zeitalter der Renaissance, Spanien seine Juden vertrieben hat, von denen ein Teil nach Palästina und der Türkei auswanderte, wo sie das Fundament für die künftige jüdische Neukultur bildeten. Auch die von dem europäischen Geiste weniger berührte Sphäre der russisch-polnischen Juden ist eine Gewähr, daß dieses Werk der Erneuerung der jüdischen Kultur gelingen werde; denn in den letzten Jahrzehnten, in denen der Europäismus nach dem Osten eindrang, da war es wieder ein Fingerzeig Gottes, daß die Juden, zum Teil unter dem Drucke des Antisemitismus, dem Rufe zur Rückkehr in das Land der Väter gefolgt sind. Diese optimistische Geschichtsphilosophie sieht in der jüdischen Geschichte nur das Walten eines göttlichen Willens, der schließlich alles zum Besten wendet und zuletzt das Judentum zur nationalen Auferstehung führt. Die göttliche Vorsehung will die „Schönheit Japhets in den Zelten Sems" wieder erwecken. Das heißt, die Juden sollen die besten Seiten

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