Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 432

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Seew Wolf Jawitz
Date
1924-01-01
Page
432 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101208-3109464--7185-3109540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

432 Umschau: Bücherschau seine Richtigkeit haben. Aber darin liegt gerade der wesentlichste Mangel, den ihm die Kritik vorwerfen muß. Jawitz* Geschichtsdarstellung ist nicht nur aus den angeführten Gründen tendenziös, sondern auch deshalb, weil er bestrebt ist, die Personen und Dinge in oft unzulässiger Weise zu idealisieren. So wird seine Geschichtsdarstellung zur Apologetik. Für ihn sind die jüdischen Gesetzeslehrer die reinsten Engel, jeder Fehler, jede Schwäche wird beschönigt. So charakterisiert er das aufbrausende Wesen eines Schammai mit dem euphemistischen Ausdruck Ungeduld und dgl. mehr. Geschichte und Legende werden von Jawitz nicht auseinandergehalten. Mehr oder minder sind für ihn die Aussprüche derThalmudlehrer unumstößliche Wahrheiten. Die historische Kritik kommt allzuwenig zu ihrem Recht. Niemand wird den geschichtlichen Kern eines großen Teiles der thalmudischen Legenden in Abrede stellen, aber der Historiker wird sich wohl hüten müssen, gestützt auf so unsicheren Unterlagen, Daten festzustellen, buchstabengläubig die Lebensalter der Patriarchen festzusetzen, die bekannte Annahme des Geburts- und Sterbetages Moses (7. Adar) als unwiderlegliche Tatsache zu erklären usw. Aus seiner ganzen Einstellung heraus erklärt es sich auch, daß Jawitz rabbinische Vorschriften bereits als biblische Gebote, daß er Hypothesen für geschichtliche Tatsachen ausgibt und dergl. mehr. Auch die Quellenkunde ist durchaus mangelhaft. . Für Jawitz existieren nur jüdische Quellen, die griechischen und römischen Autoren, die Ausgrabungen der neuen Zeit, die Ägyptiologie und Assyriologie sind ihm unbekannt. — Bei allen Mängeln, die Jawitz' Werk enthält, hat es doch auch seine literarische Bedeutung. Denn es hat namentlich den religiös gestimmten Kreisen, die des Hebräischen kundig sind und aus anderen Quellen nicht schöpfen konnten, immerhin Kenntnisse der jüdischen Geschichte vermittelt. Besser als auf dem Gebiete der reinen Geschichtsdarstellung hat sich Jawitz* Forschersinn in der wissenschaftlichen Ausgabe des Gebetbuches bewährt, wiewohl auch hier die tendenziöse Einstellung bisweilen stört. Trotz aller Einwendungen, die gegen Jawitz* Schaffen erhoben werden können, darf nicht vergessen werden, daß er immerhin einer der Baumeister und Vorkämpfer der neuen hebräischen Literatur gewesen ist, daß er das jüdische Schrifttum in seltener Beherrschung meisterte, selbst ein Schriftsteller von hoher Begabung war und durch die Gründung der „Misrachi*'-Fraktion sich um diese Richtung, zu deren hervorragendsten Vertreter er lange Zeit gehörte, bleibende Verdienste erworben hat. Josef Meisl BÜCHERSCHAU A. Levkowitz will in einer ausführlichen Literaturübersicht: „Religiöse Denker der Gegenwart. Vom Wandel der modernen Lebensanschauung" x) solche jüdischen Leser, die infolge anderweitiger Beschäftigung keine Gelegenheit hatten, die Philosophie der Gegenwart aus den Quellen oder aus den üblichen Berichten in Tageszeitungen kennen zu lernen, mit dieser vertraut machen. Eine gewisse Primitivität der Argumentation und eine gewisse Wiederholung von längst Bekanntem ist daher unvermeidlich. Von dem festen Boden der Religion des Judentums aus kann der Verfasser die einzelnen Philosophen mühelos beurteilen. Er bemüht sich um eine, „ernste und tiefe Auseinandersetzung mit den geistigen Kräften der Umwelt", deren Ergebnis die Identifikation einer Synthese von Bergsonscher schöpferischer Entwicklung mit den Idealen der Cohenschen Menschheits-Ethik und dem Ottoschen Heiligen, die Identifikation dieser Synthese also mit der altjüdischen Weltanschauung, ist. Nicht ohne Hartnäckigkeit weiß der Verfasser gegenüber den Lebens- Philosophen die Ideale, gegenüber den Idealisten das Leben zu betonen. Außer dem erwähnten unbewußten Zweck hat die Schrift noch den ausdrücklich vom Verfasser hervorgehobenen: Nehmend und gebend den (siel) jüdischen Teil am religiösen Suchen unserer Zeit zu haben. Und zwar geht dieses Ringen um Teilnahme an der modernen Kultur nach der Ansicht des Verfassers auf den klassischen Universalismus des Judentums zurück. Leo Strauß J) Berlin, Philo-Verlag 1923 Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Ernst Simon, Heidelberg. Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julius Beltz in Langensalza.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.