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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 428

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Über Antisemitismus [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
428 (sequence 4)
Language
German
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428 Umschau: Politik sich zu ketten. Wenn von einer Menschengruppe ein bestimmtes Verhalten von vornherein erwartet wird, so findet, wie wir wissen, ein Zusammenschweißen des tatsächlichen Geschehnisses und der a priori gegebenen Erwartungsreihe im Bewußtsein des Erfahrungssubjektes statt, und es vollziehen sich an Hand der Vorurteile der Prozeß des Verstehens und die Assoziation. Die tatsächlich vorhandene und viele, nicht-feindlich gesinnte, „Arier" häufig in Verwunderung setzende Überempfindlichkeit vieler Juden, die schon die bloße Erwähnung der Tatsache, daß es Juden gebe, als Beleidigung auffassen, beweist, daß in dem Worte „Jude" zahlreiche Anklagen und verurteilende Behauptungen mitschwingen und daß die beleidigenden Assoziationen so stark sind, daß sie alle anderen überwiegen. Welche Wirkungen übt nun die Übertragung des die Gruppe betreffenden Urteils auf die Beurteilten aus? Auf ihre Stellung zu der Frage: Erhaltung oder Fortschritt? Der Antisemitismus hat in dieser Richtung nicht einheitlich gewirkt. Die Ostjuden, soweit sie sich als Juden fühlen und ihnen als einer fremden Gruppe die Aufnahme in den Staatsverband versagt wird, entwickeln eine grundsätzliche Feindschaft gegen Sitten und Bräuche ihrer Umgebung und stellen das Überlieferte über jede Neuerung. Bei den individualistisch gerichteten westlichen Juden dagegen hat der Antisemitismus die umgekehrte Wirkung gezeitigt. Da sie nicht als Fremde, sondern als gleichberechtigte Bürger des Landes, in dem sie leben, gelten wollen, streifen sie alle als „jüdisch" erachteten Gewohnheiten und Anschauungen ab und entwickeln jene spezifische Art von Anpassungsfähigkeit und Fortschrittlichkeit, die von ihrer Umgebung als unvornehm empfunden wird. Besondere Wirkungen auf die jüdische Eigenart hat sodann die Tatsache gehabt, daß die Juden, wenigstens im Westen, den Wirtsvölkern insofern angehören, als sie selbst sich ihnen zugehörig fühlen, insofern dagegen wieder nicht, als die beanspruchte Zugehörigkeit von den Wirts Völkern abgelehnt wird. So haben die Juden eine verschiedene Stellung gewissermaßen für die innere und für die äußere Politik. Sie selbst schwanken innerlich zwischen dem Gefühl der Zugehörigkeit und dem des Zurückgestoßenwerdens. Die Kritik, die ihnen durch ihre Umgebung zuteil wird, die mit der Prämisse der Fremdheit beginnt und in der Forderung der inneren und äußeren Separierung gipfelt, trifft viele unter ihnen darum so besonders tief, weil sie nicht fremd sein wollen. Das Gefühl, unsympathisch zu sein, ist das jüdische Leid. Daher die Unsicherheit die Befangenheit und das ewige Schwanken. Unter diesen Verhältnissen bleiben durch natürliche Auslese nur diejenigen Elemente als Juden im Westen zurück, die den geringsten Wert darauf legen, sich restlos zu assimilieren. Sie rekrutieren sich vorwiegend aus der gesetzestreuen Gruppe der Juden, die innerhalb dessen, was Jude genannt werden kann, den starken Kern bilden. Die wohlhabenden, sozial avancierten, dem väterlichen Glauben und der überkommenen Pietät am meisten entfremdeten Individuen versuchen durch Namensänderung und Taufe, durch Aufgabe des jüdischen Verkehrs und durch Untertauchen in christlichen Kreisen den Assoziationen, die dem Begriffe des Juden anhaften, zu entgehen. Teilweise gelingt es; aber den Juden als solchen ist damit in keiner Weise geholfen. Unter den Zurückbleibenden sind es vorwiegend die östlichen, die weniger wohlhabenden und der Kultur ihrer Umgebung am wenigsten angeglichenen Typen, die Juden bleiben. Die Assimilierten verändern also nicht den Begriff des Juden, die Nichtassimilierten dagegen bestätigen ihn dauernd. Und unter den Assimilierten entsteht dann die bitterste Blüte des ganzen Phänomens, der jüdische Antisemitismus. Er ist der schlimmste von allen. Er ist nicht „instinkt"- bedingt. Er beruht auch nicht, wie der arische, auf Mißtrauen a priori, auf „Verstehen" und Assoziieren. Er ist vielmehr selbst eine Folge des Antisemitismus und der eigenartigen Gemeinschaftshaftung, in die die Juden, die teilweise wie kein anderes Volk auseinanderstreben, durch den Judenhaß wie kein anderes Volk aneinander gekettet und miteinander verbunden werden. Das refraktäre Verhalten der menschlichen Rassen zueinander beruht also nicht auf einem „Instinkt", sondern auf einem dergestalt, wie ausgeführt, sich bildenden und tief gründenden Vorurteil. Jedes Individuum und jede Gruppe von Menschen hat das Recht, andere Gruppen a priori als fremd und unerwünscht anzusehen. Die Begründung der Fremdheit durch

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