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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 429

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Über Antisemitismus [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
429 (sequence 5)
Language
German
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Umschau: Geschichte 429 Rekurs auf die Eigenschaften der fraglichen Gruppe kann fehlerhaft sein — aber der Entschluß: „Ihr gehört nicht zu uns!" beruht auf einem letzten Willensakt und ist nicht richtig und nicht falsch, nicht böse und nicht gut. Das Vorurteil ist nicht von Natur, sondern durch menschliche Satzung. Das Schicksal der historischen Erscheinung aber ist, daß bei ihr, im Gegensatz zu allem Naturgegebenen, einmal ein Zeitpunkt eintritt, wo sie kein anderes Interesse mehr erregt als nur noch das historische. Soweit Sulzbach. Wer, durch diese kurze, größtenteils in seinen eigenen Worten gebrachte Inhaltsangabe angeregt, die Schrift liest, wird die reiche Literatur über Judenkampf und Judenleid um einen wertvollen Beitrag bereichert finden. Nicht viel, aber vieles, ein klarer Stil und logischer Gedankengang, anregende Erläuterung des Beweisganges durch scharfes Erfassen der Zeiterscheinungen, das sind die Vorzüge dieser Sulzbachschen Schrift. Sulzbach hat mehr mit ihr getan, als eine Eule nach Athen getragen. Mit kühlem Kopf und klarem Sinn für weite Perspektive wandert er über ein Gebiet, in dem die Geister sich drängen und reiben, solange Judenhaß, Judenleid und jüdischer Wille dem Leben der Völker und dem des Individuums mitbestimmend eine tragische Note verleihen, von Anfang bis Ende. Und das Ende? Ist der Gedanke, daß der Antisemitismus als eine fehlerhafte Denkungsart der Menschen einmal der Geschichte angehören könnte, mehr als ein frommer Wunsch der nach Freiheit, Einheit und Ganzheit sich sehnenden, strebenden Persönlichkeit? Wird nicht der Judenhaß erst zu Grabe gehen mit dem letzten Juden der Diaspora? Leo Plaut GESCHICHTE Seew Wolf Jawitz Am 24. Januar d. Js. ist der bekannte hebräische Schriftsteller S. W. Jawitz in London hochbetagt verstorben. Nur einer kleinen Schar von Interessenten waren sein Name und seine Verdienste um die hebräische Literatur noch in Erinnerung geblieben, denn seit geraumer Zeit stand seine Feder bereits still. Jawitz ist im Jahre 1847 in dem Städtchen Kolna (Gouvernement Lomza) geboren. Er gehörte zu jenen Pionieren der „Chibath Zion", welche im „Haschachar" ein Sprachrohr für die Verkündigung der neuen Idee gefunden hatten. Gleich Smolenski, Ben-Jehuda, Lilienblum und den anderen hebräischen Schriftstellern, welche den Übergang von der Haskalah zur nationalen Renaissancebewegung repräsentieren, war auch Jawitz von den unbefriedigenden Ergebnissen der Aufklärung ausgegangen. Allerdings unterschied er sich von seinen gleichstrebenden Genossen durch den strenggläubigen Standpunkt, den er niemals aufgegeben hatte, und von dem aus er das Judentum sowie die nationale Idee betrachtete. Diese religiös dogmatisch gebundene Betrachtungsweise tritt schon in seiner ersten größeren historischen Arbeit, die ihn weiteren Kreisen bekannt machte, dem Aufsatz „migdal hameah", erschienen im ersten Band von Rabinowitz „Knesseth Jisrael" (1886), deutlich in die Erscheinung. Der Aufsatz, geschrieben aus Anlaß der hundertsten Wiederkehr des Todestages Moses Mendelssohns, will einen Überblick über die geistige Entwicklung des Judentums während der letzten Jahrzehnte geben. Jawitz sucht die Unwahrhaftigkeit und das Unjüdische der Aufklärungsideale darzutun und beurteilt die errungenen Fortschritte der Emanzipation und Assimilation unter einem wesentlich anderen Aspekt als die Historiker, welche selbst sich als Kinder der Haskalah fühlten. Nicht so sehr in der „Erneuerung des Judentums" und in dem sogenannten Fortschritt scheint Jawitz das Verdienst Moses Mendelssohns zu bestehen, als vielmehr darin, daß er, trotz allen Strebens nach Erneuerung des Judentums in der europäischen Kultur, selbst in seinem Privatleben niemals die religiöse Tradition verletzt, alle rabbinischen Gebote streng gehalten habe und dadurch dem Abgleiten des Judentums in die Untiefen der Assimilation einen Riegel'vorschieben wollte. Freilich haben seine Jünger sich nicht nach den Worten des Meisters gerichtet und sein nur theoretisches Freidenkertum in die Praxis umgesetzt. „Unter allen jüdischen Philosophen",, sagt Jawitz, „war keiner wie er so überzeugt, daß das Schwergewicht des Judentums mehr in der mündlichen als in der schriftlichen Lehre liegt; denn die ganze Bedeutung der schriftlichen Lehre besteht darin, daß sie die Grund-

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