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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 427

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Über Antisemitismus [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
427 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Politik 427 übernommene und somit im Verhältnis zu der eigenen Erfahrung, der sie vorangehen, aprioristische Einstellungen, „Vorurteile", mit denen ein Individuum dem anderen begegnet, und die sich vorzugsweise entweder auf die familienhafte und freundschaftliche Stellung des Beurteilten zum Beurteilenden oder auf des ersten allgemeine Stellung in der Gesellschaft beziehen. Der Antisemitismus als Bewertung einer Menschenklasse ist nur verständlich, wenn man sich klar macht, daß er ein starkes aprioristisches Element enthält, wie ein solches überhaupt dem Verhalten aller Völker zueinander zugrunde liegt. Einerlei, wie diese Wertung historisch entstanden sein mag, — für die Wirtsvölker sind die Juden Fremde, Menschen, die niemand in das Land gebeten hat und bei denen etwas, was in Beziehung auf das Wirtsvolk selbst, dem der Boden „gehört", ganz undenkbar wäre, sehr wohl vorstellbar ist: daß nämlich ein Tag kommen könnte, wo sie das Land wieder räumen. Daß sie überhaupt zugegen sind, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern unterliegt der Kritik. Aus dieser Voreinstellung heraus wird die Phänomenologie des Antisemitismus verständlich. Und aus der Prämisse, daß der Jude a priori als Fremder vorgestellt wird, ergibt sich der Schluß, daß sein Verhalten anders gewertet werden muß, wie selbst ein inhaltlich ganz gleiches seiner nichtjüdischen Umgebung. Der Satz, daß gleiches Recht für alle gelten müsse, ist weder logisch noch historisch eine Selbstverständlichkeit. Der Beweis für ihn ist weder Aufgabe, noch Bedürfnis und wo versucht, gefährlich. Eine ganze Menschenklasse wird a priori nach dem, was diese Menschen — der Rangordnung nach — sind, beurteilt und nicht a posteriori nach dem, was sie leisten. Die Rangordnung bleibt stets die gleiche. Den Juden kommt als Juden ein bestimmtes Verhalten der Nichtjuden zu, und das schließt somit die Möglichkeit aus, daß einzelne oder alle Juden durch ein von den an sie herangebrachten Erwartungen abweichendes Verhalten sich der die Juden betreffenden Bewertung je entziehen könnten. Wenn zwei das Gleiche tun, Jude und Nichtjude, so ist es nicht das Gleiche. Ein großer Teil des Weges ist bei jeder Problemlösung durch die Antwort vorgezeichnet, die die Frage nach dem Ausgangspunkt findet. Und die Methode des Beweisganges contra iudacum ist stereotyp. Sie besteht in einer freien Wahl des Ausgangspunktes, in der Verschiebung der Wertakzente innerhalb der erklärungsbedürftigen Erscheinung durch Wichtigerklären der einen, Nichtbetonen der anderen Seite des Phänomens und in der Umdeutung der psychologischen Motive der handelnden Menschen. Das subjektive Gefühl, daß eine Erscheinung verstanden worden ist, ist davon unabhängig, ob auch spätere Forschung sich mit dem gefundenen Ergebnis zufrieden gibt oder ob sie ein neues verlangt. Das spezifische Verstehensgefühl tritt bei falschen Lösungen so gut wie bei richtigen auf. Das Gros der Menschen will nach dem Prinzip der Denkökonomie mit einigen wenigen Grundüberzeugungen auskommen, und zwar ein für alle mal. Der Durchschnittsmensch, als der Angehörige einer auf Handeln und Wirken eingestellten Gattung, sieht in der sozialen Gruppe den willkommenen Oberbegriff, mit dessen Hilfe er die unendliche Mannigfaltigkeit individueller Verhaltungsweisen zu entindividualisieren sucht. Besteht gar einer bestimmten sozialen Gruppe gegenüber eine deutliche aprioristische Einstellung — und diese ist fremden Gruppen gegenüber weit schärfer ausgeprägt als gegenüber der eigenen, deren Mitglieder mehr individuell gewertet werden, — dann ist die natürliche Folge, daß das verstehende Subjekt alles das, was es von der Gruppe erwartet, am Individuum nun auch tatsächlich findet, und daß dessen Tun und Lassen vorzugsweise auf seine Zugehörigkeit zur Gruppe bezogen und aus ihr erklärt wird. Das Begreifen geschichtlicher Vorgänge auf Grund der Überzeugung, daß die Juden sehr mächtig und sehr schädlich sind, bildet den Kern einer jeden Argumentation, durch die der Antisemitismus seine Behauptungen stützt. Diese intensive Voreinstellung hat nun zur Folge, daß ein den gehegten Erwartungen adäquat verlaufendes Ereignis das Vorurteil stärker „bestätigt", als viele ihnen widersprechende Vorkommnisse es zu erschüttern vermögen. Nach den Gesetzen der Assoziationspsychologie hat jedes seelische Erlebnis die Fähigkeit und die Tendenz, ein anderes Erlebnis, mit dem es einmal zusammen aufgetreten ist, auch bei wiederholten Malen an

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