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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 426

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Über Antisemitismus [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
426 (sequence 2)
Language
German
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426 Umschau: Politik daß er sich so hartnäckig behauptet, und wie ließe sich die doch unbestreitbare Tatsache erklären, daß er in einem historisch unbeschwerten, von individualistischen Gedankengängen und der Idee der freien Konkurrenz durchtränkten Gemeinwesen wie den Vereinigten Staaten, die der Einwanderung traditionell und prinzipiell offen stehen, eine große und wachsende Bedeutung besitzt? Den Antisemitismus aus den schlechten Eigenschaften der Antisemiten zu erklären, ist für die Juden sehr bequem. Das ist aber auch der einzige Vorzug, der dieser höchst oberflächlichen Theorie nachgerühmt werden kann. Das ernste, wissenschaftliche Streben wird weiter fragen müssen und so kommt man zu der dritten Hypothese über die Ursache der Antipathie, der die Juden begegnen: Hinter den Verstandesargumenten, die nicht Stich halten, muß noch ein irrationales Moment als das eigentliche Movens gesucht werden. Etwa ganz analog zum tierischen Leben als ,,Rasseninstinkt"? Können und dürfen diese Rasseninstinkte wirklich mit anderen, unbestritten „Instinkte" genannten Trieben auf eine Stufe gestellt werden, um ihre Berechtigung und letzte Begründetheit anerkannt zu finden, nämlich als sicherste Wegweiser in allen Wirrnissen des Lebens? Der Instinkt äußert sich in einer Klasse von Handlungen der Lebewesen, die vernünftig verlaufen und doch nicht durch Nachdenken oder individuelle Erfahrungen bestimmt sein können. Nur dadurch, daß sie alle diese verwickelten Handlungen so präzis ausführt, als ob sie wüßte, warum sie es tut, vermag die Art sich unter den Lebenden zu erhalten. ,,Instinktiv" also ist die vernünftige, aber vernunftlose Handlung, bei der der Trieb Ursache und die Erreichung des Zweckes Folge ist, und nicht etwa das Verhältnis des Zweckes zur Handlung als bewußt ergriffenem Mittel statthat. Der Instinkt ist mit der Geburt gegeben, in der Erbsubstanz überkommen, er eignet stets einer ganzen Klasse von Lebewesen und nicht nur einzelnen Exemplaren. Er ist nicht imstande, zu individualisieren. — Der Trieb, eine Annäherung an die fremde Rasse zu vermeiden, kann für die Gruppe, der er eignet, wenn überhaupt einen, dann nur den Sinn haben, dazu zu dienen, daß ihre rassische Eigenart, die durch den Verkehr mit den Fremden leiden könnte, nicht in Gefahr kommt. Ist aber die Erhaltung ihrer Eigenart für eine Rasse vorteilhaft? Und wird den Eigenarten durch Berührung mit bestimmten fremden Rassen Abbruch getan? Der ganze Komplex dieser Fragen, der mit dem Problem einer möglichen Zweckmäßigkeit von Rassenantipathien zusammenhängt, entzieht sich jeder exakten Beantwortung. Überall zeigen sich Möglichkeiten, nirgends Gewißheiten. Da aber ein Element des Instinktbegriffes in der Zweckmäßigkeit eines bestimmten Verhaltens liegt, muß die Anwendbarkeit des Begriffes jeweils in dem gleichen Maße wie diese letzte problematisch erscheinen. Über die Zweckmäßigkeit und somit also auch über die Instinktmäßigkeit der Rassenantipathie läßt sich Positives nicht aussagen. Unzweifelhaft steht demgegenüber aber fest, daß die rassischen Antipathieempfindungen durch Teilnahme einer, an ganz bestimmten Momenten sich zeigenden Vernunfttätigkeit maßgebend mitbestimmt werden. Die Stärke der empfundenen Abneigung wird erstlich durch die Zahl der Zurückgestoßenen wesentlich mitbestimmt. Die Überzeugung der Zurückstoßenden, daß für den Bestand der Eigenart der eigenen Gruppe die Angehörigen einer fremden Gruppe erst von einer gewissen Zahlenschwelle an bedenklich wirken können, kann nicht vererbt sein, sondern kann nur der Ratio entspringen. Weiter aber treten die vorgeblich „instiktiven" Rassenantipathien nur da in Erscheinung, wo sie durch die Konkurrenz, also eine rein soziale Kategorie ausgelöst werden. Der Antisemitismus ist da, wo viele Juden politischen Einfluß haben, am stärksten. Alle Tatsachen der Erfahrung lassen vermuten, daß soziale Momente, empirisch erfahrene und mit dem Verstände verarbeitete Faktoren den Rassen,- antipathien zugrunde liegen. Dann aber stellt sich der Tatbestand der Repulsion dar als die individuelle Anwendung von bestimmten Anschauungen über die Einteilung der Menschen und das richtige Über- und Unterordnungsverhältnis der verschiedenen Gruppen in einer Gesellschaft. Das ist nicht zu verwechseln mit dem „Vorurteil" im oberflächlichen Sinne. Vielmehr tritt eine Wertung in die Erscheinung, die, sehr ernst zunehmende, komplizierte und in der Richtung der eigenen Rektifizierung wirkende logische Elemente enthaltend, mit dem echten Instinkte eine frappante Ähnlichkeit aufweist. Es sind vor dem Einsetzen der eigenen Erfahrung von anderen

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