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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 425

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Über Antisemitismus [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
425 (sequence 1)
Language
German
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UMSCHAU POLITIK Über Antisemitismus1) Alle religiösen Auseinandersetzungen und selbst die Klassenkämpfe treten an Bedeutung hinter die Kraft und Gewichtigkeit der Wirkungen zurück, die das refraktäre, d. h. das ablehnende und abstoßende Verhalten der Rassen und Nationen mit ihren Antipathien auslösen. Die Wucht des Nationalgefühls beherrscht die Geschichte. Und doch entscheiden weniger Gefühle als Nachbarschaft, Berechnung und diplomatische Konstellation über die Beziehungen und Schicksale der Völker. Antisemitismus? Was die europäischen Völker am meisten entzweit, ihre einander entgegenstehenden Ambitionen auf mehr Macht, mehr Land, mehr Kolonialbesitz, das fehlt notgedrungen, wo von zwei Völkergruppen die eine gar nicht staatlich organisiert und Kriege zu führen weder ims'tande noch gewillt ist. Im Falle der Juden stehen nicht zwei Ideale, von denen jedes ,,Wir sind wir" sagt, im Konflikt, sondern dem „Wir sind wir" der einen Seite antwortet ein „Wir gehören auch zu Euch" als Echo auf der anderen. Zwischen den Völkern ist der Kriegsfeind von gestern der Freund von heute. Keine kriegerische Tradition trennt die Juden von ihren Wirtsvölkern, und doch scheint der Antisemitismus von ewiger Dauer, und noch immer hat die Hoffnung der nur Geduldeten, sich durch Leistungen vorzugsweise patriotischer Art Achtung und die Gleichberechtigung zu erkämpfen, absolut und hoffnungslos getrogen. Wie ist dieses refraktäre Verhalten zu erklären? Drei Richtungen werden eingeschlagen, um zum Ziele, dem erkennenden Begreifen des Antisemitismus1) zu gelangen: *) Walter Sulzbach, Vorurteile und Instinkte. Eine Untersuchung über die Rassenabstoßung und den Antisemitismus. Die unvertilgbar schlechten Eigenschaften der von der Verachtung der anderen Völker Betroffenen sei der Grund, meinen die einen. Es ist das die große Masse der Verächter auf der einen, das Häuflein der sich selbst Verachtenden, denen sie Rückgrat, und seelische Kraft gebrochen haben, auf der anderen Seite. Der zum Beweise für die Tatsache dieser unvertilgbar schlechten Eigenschaften aufgebotene gewaltige Zeugen - apparat und das Tatsachenmaterial aus der Geschichte aber sind eitel und nichtig; denn bei der Überfülle von historisch beglaubigten Ereignissen lassen sich in der Regel ebenso viele Gegenbeispiele für jeden behaupteten Zusammenhang anführen. Dies trifft besonders zu im Falle der Juden. Es läßt sich zeigen und ist ja oft dargetan worden, daß die Juden, so wie der Antisemitismus sie schildert, nicht immer und nicht einmal in der Regel sind, daß aber das in seinen Eigenschaften vom Typus abweichende Individuum der Judengegnerschaft trotzdem in vollem Maße verfällt. Bestreiten werden das nur die Nicht wollen den und Nichtwissenden. Der Antisemitismus sei der Ausfluß der menschlichen Dummheit und Böswilligkeit, meinen die anderen. Es ist dies der Standpunkt etwa des „ZentralVereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und der sogenannten „jüdischen Presse" (Berliner Tageblatt, Frankfurter Zeitung usw.), die das Bestehen einer Judenfrage überhaupt und grundsätzlich leugnen. Die Schuld dafür, daß die Juden nicht als gleichberechtigte Angehörige in der Gesellschaft der Wirtsvölker aufgenommen werden, liegt für diese Richtung ebenso ausschließlich in den Eigenschaften der Judengegner, wie sie, nach den Antisemiten, in den Eigenschaften der Juden gefunden werden muß. Für den unbefangenen Beobachter aber muß der Antisemitismus mehr sein. Wäre er nur dies, wie sollte es dann möglich sein,

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