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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 421

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Zur Wertung des Alters im Judentum
Date
1924-01-01
Page
421 (sequence 10)
Language
German
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Zur Wertung des Alters im Judentum 421 Korrelat der Jünglingserde und des Jünglingshimmels (mit seinen nicht einmal über-, sondern nur obermenschlichen Olympiern) ist der spartanische Kindermord an den biologisch Minderwertigen, dem im Jüdischen die auf den göttlichen Zweck bezogene, relative Einschätzung des Gesamtlebens und die gerade mit ihr verbundene unbedingte Ehrfurcht vor jedem Einzelleben schroff gegenüberstehen. Und während die hellenische Welt sich mit Bewußtsein und gern ins Zeit-Räumliche einordnet und einengt, gibt es in der jüdischen keinen absoluten Wert im Endlichen, so wesentlich auch jede endliche Position für den Weg zum Unendlichen ist. Im Griechischen wird der erste mögliche Haltepunkt: eben der Jüngling, als gültiges Ziel gesetzt; im Jüdischen ist alles Weg, und wer ihn — wie der Greis — am längsten schritt, der kam dem Ziel am nächsten. Der jüdische Weg führt von der verlorenen Heimat des Paradieses, dem Anfang aller Tage, zur wieder zu gewinnenden des messianischen Reiches, die „am Ende der Tage" liegt und also nur zu erreichen ist, wenn Einzelner, Volk und Menschheit das Ende seiner Tage erreicht. Im Galuth der Menschheit, das zwischen der Vertreibung und der Rückkehr verläuft und innerhalb dessen der Jude, als der zutiefst metaphysischer Heimat vertraut gewesene, nun noch sein Sondergaluth trägt, ist unser ewiges Volk alt geworden und verjüngt sich doch mit jedem. Tage in seinem Amte, während das griechische sich in dem berühmten Aufruf des Thukydides zum peloponnesisehen Krieg der Tatsache bewußt geworden ist, daß es einstmals untergehen muß. Die tiefe Paradoxie der Offenbarungsreligioh aber, der einerseits die lebendige Quelle der Lehre immer tiefer in die Jahrtausende zurückschwindet und der auf der anderen Seite die tägliche Offenbarung das Bewußtsein immer wieder erneuern soll, als seien die Worte der Thorah heute gegeben, dieser tief fruchtbare Gegensatz kann nur von einem Volke ausgeschöpft werden, das uralt und ganz jung zugleich ist. Jeder Tag, den es länger ausschreitet, bringt das Volk und auch den einzelnen Juden dem Ziele näher: der Erkenntnis Gottes und der Verwirklichung seines Reiches. Ergreifend deutlich wird dieser reinste Lebenssinn in der Märtyrergestalt des Rabbi Chuzpith, des Übersetzers. Als der im Alter von 130 Jahren von den Schergen des römischen Kaisers ergriffen wird, bittet er um Gnade: er will die Zahl seiner Tage erreichen. Und auf die Frage, was ihm e i n Tag denn bedeute, antwortet er: „Ich will noch zwei Gebote erfüllen: das »Höre Israel . . des Abendgebetes und das des Morgengebetes sagen." — Nicht zufällig wohl ist hier nicht etwa vom Achtzehngebet, sondern gerade vom „Höre Israel . . die Rede. Dieser gewaltige Grundtonf des Monotheismus, der den Juden vom Morgen bis zum Abend, und eben so auch vom Lebensmorgen bis zum Lebensabend ständig als Juden bestimmt, greift wie sonst nichts aus dem Bezirk des Zeitlichen hinein in den des Ewigen, aus der Geschichte in das, was sie gründet. Der überzeitliche Charakter des Judentums, der nicht in der starren Gegenwärtigkeit der griechischen Skulptur, sondern in der ewigen Gegenwart der Elemente und vor allem des lebendigen Grundwortes vom Einen Gotte sich erfüllt,

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