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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 420

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Zur Wertung des Alters im Judentum
Date
1924-01-01
Page
420 (sequence 9)
Language
German
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420 Ernst Simon: in einer Konzeption, die ganz erfüllt ist von der im Grunde untrennbaren Einheit seelischer und körperlicher Substanz: Aus einer Familie, in der Vater, Sohn und Enkel Thalmudgelehrte gewesen sind, kann die Thorah nimmer mehr weichen1). Der ,,dreifache Faden" hat sich nunmehr für immer geknüpft. III. Nun ist es möglich geworden, auf die Fragestellung der Einleitung zurückzugreifen. Welchen notwendigen Sinn hat die zentrale Stellung, die der Jüngling im griechischen Volksgeiste einnimmt? Die Antwort ergibt sich aus der Gegenüberstellung mit den jetzt gewonnenen jüdischen Kategorien. Für ein Volk, dem der Begriff der Tradition ebenso fremd ist wie dem Juden die Plastik, oder, positiv gesagt: dessen Tradition die Plastik ist, muß das menschliche Leben selber ein letzter Wert sein, dem kein transzendenter Ursprung und kein transzendentes Ziel übergeordnet ist. Ein solches Volk ist in einem sehr genauen Sinne geschichtsfremd: das bedeutet zunächst fremd der Heilsgeschichte, der Geschiebte Gottes in der Welt, dann aber auch dem entfremdet, was gewöhnlich —■ und bezeichnender als man weiß — unter ,,W eltgeschichte" verstanden wird. Auch diese nämlich borgt ihren langen Atem von jener und bleibt ohne solche Anleihe Episode, die zwar Epoche machen kann, aber nimmermehr selbst Epoche ist. Keine der Entwicklungsphasen des (also absolut genommenen) Lebens aber hat mehr äußere und innere Geschlossenheit als die des Jünglings: schon sind alle biologischen Kräfte entfaltet, und noch keine ist verfallen. Der Jüngling ist, innerweltlich gesehen, der schlechthin gerundete, vollendete Mensch. Nicht zufällig hat er und mit ihm der griechische Geist in der Skulptur sein Gegenbild gefunden: auch sie ist „diskret", von allen Seiten anzuschauen und zu umschreiten. Sie läßt die kreatürliche Vergänglichkeit des Jünglingsalters zu einer nicht etwa ewigen, sondern nur immerwährenden Gegenwart erstarren, die für ein Volk ohne Vergangenheit und Zukunft die notwendig gegebene historische Kategorie ist; und sie dient dem typisch polytheistischen Symbol bedürfnis der Griechen, das statt des inneren Beweises den sichtbaren verlangt — die Juden haben ja auch ihren Greisen keine Skulpturen geschaffen. Und wie der Jüngling noch der schlechthin Einzelne ist, dessen Bindungen jeweiliger und kündbarer Art sind, so steht auch sein Bildwerk frei für sich, umflossen von Licht und Raum. Hierin hat es in der griechischen Polis seinen genauen soziologischen Gegenwert: auch diese ist, wie eine Plastik, in sich gerundet, zur möglichst kleinen Einheit drängend, nur widerstrebend und zeitweilig sich „Bünden" mit gleichartigen Staatsskulpturen anpassend. Daß einer solchen Kultur die Konzeption der Familie fehlen muß, deren Träger nicht der hellenische Jüngling sein kann, sondern nur der (jüdische) Greis, das ergibt sich nun fast von selbst. Bemerkenswert bleibt noch, daß die hier vorliegende Vergötzung des Lebens zu dessen Selbstzerstörung führt: das x) B. m. 85 a.

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