Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Wertung des Alters im Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 422 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Ernst Simon: Zur Wertung des Alters im Judentum erreicht in der Gestalt des Greises den höchsten Annäherungswert, der im Irdischen möglich ist: im Alter sind alle menschlichen Elemente dialektisch dreifach „ auf gehoben"; noch ist die Substanz von Kind, Jüngling, Mann bewahrt, schon aber auch an Söhne und Enkel weitergegeben — und so auch im Geistigen. Daher ist der Greis, der legitimste Träger des monotheistischen Anrufes an das Volk, der die Ewigkeit der Tradition von Geschlecht zu Geschlecht verbürgt, wenn Israel nur zu hören weiß. Und noch ein letztes wird deutlich. Die Griechen haben nicht nur den Jüngling in den Mittelpunkt ihres Symbolbedürfnisses gestellt, sie sind auch in der Wirklichkeit des Lebens weniger alt geworden, nicht nur ihre Skulpturen sind Zwanzigjährige, sondern auch ihr Alexander der Große starb in jungen Jahren. Der einzige Greis, den an ganz Großen ihre Geschichte uns überliefert, haben sie nicht ertragen: Sokrates, der zudem in manchem ihrem Heidentum entfremdet war und überdies ein Träger mündlicher Lehre — wenn auch noch nicht der wahren — gewesen ist. Diesem Jünglingsgeist eines ganzen Volkes setzt sich die Realität und das Lebensgefühl des Judentums mit gesammelterJKraf t entgegen. Sein Zeitbegriff, der den „Zeitvertreib" heidnischer Geselligkeit als „Vereitelung der Thorah" verurteilt, verlangt ein gespanntes und erfülltes Dasein und hat es erreicht. Dies ist wohl der tiefste Grund der Altersehrung — der auch in den thalmudischen Fragen: „wodurch bist du so alt geworden?" deutlich wird — die Überzeugung, daß man etwas dafür könne, wie alt man wird; daß die Spannung des Amtes den Einzelnen und das Volk am Leben hält. In dieser Vorstellung erweist sich auch die Teilung in biologische und geistige Rüstigkeit als eine vorläufige und nunmehr entbehrliche: die Gesundheit erscheint nicht mehr als eine natürliche Gegebenheit, sondern als letztes Ziel des langen Lebens, dessen Erreichung die Thorah an unserem Lehrer Moses fast mit solchen Worten rühmt, als sei sie schlechthin eine Funktion des Willens1). Nun ist uns zwar verborgen, in welchem Zusammenhang die empirische Dauer und die uns verheißene Ewigkeit stehen, aber selbst deren paradoxe Beziehung wird an einer Stelle des Thalmud angedeutet. Dort heißt es —- freilich hier wohl nur auf den Einzelnen bezogen, aber notwendig auf das Volk beziehbar: „Wenn der Mensch geboren wird, wird über seine Jahre bestimmt. Ist er würdig, erreicht er sie, ist er nicht würdig, wird ihm abgezogen." Dies sind die Worte Rabbi Akibas. Und die Weisen sagen: „Wenn er würdig ist, wird ihm zu seinen Jahren hinzugefügt, wenn er aber nicht würdig ist, wird ihm abgezogen."2) 1) V. B. M. 34,7- 2) Koheleth rabbah 3.