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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 419

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Zur Wertung des Alters im Judentum
Date
1924-01-01
Page
419 (sequence 8)
Language
German
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Zur Wertung des Alters im Judentum 419 ganz auswirkt. Den Propheten traf ein Ausnahmeschicksal, das ihn, oft gegen seinen eigenen, noch rebellierenden Willen, gegen das eigene Volk stellt — der Patriarch aber ist der gesteigerte Durchschnittsjude, der mit und in seinem Volke lebt und dann, satt an Tagen, zu seinem Volke und seinen Vätern wieder eingeammelt wird. Der Prophet wird aus seinem Lande herausgerissen, wie Arnos, in seinem Familienleben zum lebendigen Beispiel entpersönlicht, wie Hosea, von Glück und Leid allen privaten Lebens getrennt wie Jeremia, der nicht einmal die Mutter beweinen darf. Der Patriarch aber lebt in all diesen soziologischen und familiären Bindungen und wirkt gerade durch sie hindurch. Er ist der höchste Typ des jüdischen Greises, für den sich uns nunmehr noch eine zweite Grundstellung ergibt: nicht nur als Träger der lebendigen Tradition, sondern auch als V a t e r ihrer neuen Träger, als Familienvater. Und er kann das eine nicht ohne das andere sein. „Die Krone der Greise sind Kindeskinder, der Schmuck der Söhne sind ihre Väter" sagen die Sprüche Salomonis1). Die gegenseitige Verflechtung der Generationen erst sichert die Kontinuität der Tradition. Und auf der anderen Seite müßte der kinderlose Greis oder der des Lieblingskindes Beraubte voll Kummer in die Grube fahren2), auch wenn er Jakob-Israel selber ist, mit dem Gott einen neuen Bund schloß und der unserem Volke den Namen gab. Vielleicht hat dessen besondere Liebe zu dem Kind seines Greisenalters noch den tief im System der Tradition wurzelnden Nebensinn: daß der Spätling die Kette besonders fest schließt, indem er sie über Mittelglieder hinweg noch einmal verklammert. Nicht umsonst rechnet die Tradition Schüler wie Kinder an, die man selber erzeugt habe3). Die innere und notwendige Zusammengehörigkeit beider Funktionen des Greises, die des Lehrers und die des Vaters, macht ein wunderbarer Midrasch gerade an Moses deutlich, dessen unvergleichbare Größe ja vielleicht darin lag, daß er nicht nur der „Vater der Propheten", sondern auch der Enkel der Patriarchen war: noch Abraham und schon Jeremias. Von seiner Berufung nun wird erzählt, daß Gott zweifelte, auf welche Art er ihn anzureden habe. Eine laute Stimme werde den der Prophetie noch Fremden erschrecken, eine leise ihn das Amt geringschätzen lassen. So rief ihn Gott mit der Stimme seines Vaters, um ihm dann zu sagen: »Ich bin nicht dein Vater, sondern der Gott deines Vaters"4). — Gott als Lehrer und Vater ruft den Menschen, der in seinem Ebenbilde erschaffen ist. In dieser Erkenntnis des tiefen Zusammenhanges zwischen biologischer und geistiger Tradition beschäftigen sich die Weisen an vielen Stellen mit der Frage, wieso die Söhne der Gelehrten so selten Gelehrte sind. Die Erklärungsversuche — z. B. weil die Gelehrten sich überhoben, ihre Mitmenschen „Esel" genannt haben — finden selbst wieder ihre Auflösung X) Prov. 17,6. ) Gn 32,30; 34,29, 31. ) Sanh. 19 b. ) Schern oth rabbah 3. 27*

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