Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Wertung des Alters im Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 418 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4i8 Ernst Simon: bis auf diesen Tag"1). Der düstere Ton dieser Feststellung läßt schon die Zerstörung vorausdämmern, die durch diese Spaltung nun leichter möglich geworden ist, und klingt uns heute wie eine Bestätigung der thalmudischen Meinung, daß der Messias, Davids wahrer Sohn, nur dem einigen Israel kommen kann. Israel hat sich wieder das Exil bereitet, indem es nicht auf den Rat der Greise hörte. Und während so auf der einen Seite der Name des „Alten" (saken) geradezu eine Amtsbezeichnung wird, die die Bevollmächtigten des Volkes kennzeichnet2), welche, wenn das Volk sich versündigt hat, als seine Repräsentanten zuerst bestraft werden3) — so gilt auf der anderen Seite die Herrschaft der Jugend als das größte Unheil, das über das Volk kommen kann. Jesaja kann in seiner gewaltigen Zorn- und Strafrede die Fülle der Verhängnisse mit keiner anderen Unglücksverheißung krönen, als mit jener: „daß Knaben Israels Fürsten sein sollen, Unmündige sie beherrschen werden".4) „Der Knabe wird sich blähen gegen den Greis". Es lohnt sich, einen Augenblick bei der Tatsache zu verweilen, daß die eben zitierten, düsteren Prophezeiungen von einem der Propheten ins Volk geworfen worden sind, deren Gesicht ja zunächst mehr der Jugend zugewandt erscheint. In der Tat wissen wir ja z. B. von Jeremia, daß er in sehr jungen Jahren sein Prophetenamt antrat — aber wissen wir nicht auch von ihm, daß er, ganz wie später Rabbon Gamliel der Große, zuerst sich weigernd ausrief: „Ich kann nicht reden, denn ich bin zu jung".5) Ihm geschah Berufung, der er folgen mußte. Immerhin, hier liegt ein Problem: in den Gestalten der Propheten sind unserem Volke auch jugendliche Führer erstanden. Bei Arnos etwa hat man den Eindruck eines etwa 40 jährigen Mannes, Hosea mag noch jünger gewesen sein, als sich sein prophetisches Schicksal am Beispiel seines Lebens und seiner Liebe erfüllte6). Zwei Grundtypen jüdischen Seins stehen wohl tatsächlich hier gegenüber — wenn auch nicht in dem Gegenüber der Zertrennung, sondern in dem der Beziehung — aber es sind nicht, wie man es sich zu leicht gemacht hat: Prophet und Priester, sondern Prophet und Patriarch. Der ganze Kreis dieser Problemstellung, die einer gesonderten Behandlung bedarf, soll hier nicht abgeschritten werden; aber auch für unseren Zusammenhang ist immerhin das Folgende unentbehrlich. Der Prophet bedarf, um zu seinem Amt erweckt zu werden, einer individuellen Berufung; diese kann den Menschen in jedem Alter treffen, da sie ja sein Alter auslöscht und ihn mit seiner ganzen Persönlichkeit zum Werkzeug der Stimme macht. Der Patriarch aber lebt vom Recht der ihm tradierten Berufung des ganzen Volkes, die sich erst im Alter x) 1. K. 12,19. 2) An zahlreichen Stellen, z. B. Jes. 24, 23. Ps. 107, 12. 3) Ez. 9, 6. 4) Jes. 3,5; vgl. a. Joel 31; 3,4. 5) Jer. 3, 4. e) Andererseits erscheint z. B. Samuel dem Gesicht des Weibes als alter Mann. z. S. 28, 14* Doch läßt auch ihn die Haggadah schon als dreijähriges Kind zum Prophetenamt erwachen.