Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Wertung des Alters im Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 417 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Wertung des Alters im Judentum 417 lungen bezeugen, daß die Autorität eines Lehrers in Israel legitimiert werden muß durch Alter oder durch das Zeichen des Alters. Der Grund wird deutlich, wenn wir die Traditionskette betrachten, die den Mischnahtraktat Aboth einleitet und — nicht nur ihn allein — beglaubigt. Dort werden „die Greise" als drittes Glied angeführt, gleich nach Moses und Jehoschua. In Moses war als Einzigem die schriftliche und mündliche Lehre völlig untrennbar miteinander verklammert, er war — wie uns Maimonides in der Einleitung zu seinem Misch na hkommentar erzählt — streng darauf bedacht, das Ineinandergreifen der Glieder in der Traditionskette drei- und vierfach zu sichern. Als er das Volk an seine historische Würde und Stellung erinnern will, beruft er sich auf die Väter und die Alten1), denen er dann durch das Mittelglied Jehoschua hindurch auch die ganze mündliche Lehre übergibt. Damit wird deren erste Hauptstellung in der monotheistischen Offenbarungsreligion deutlich: sie sind die Träger der lebendigen Tradition, die Verbindungsglieder von Geschlecht zu Geschlecht, die durch langes Leben noch tief hinauf bis zu den Quellen und bis tief hinunter zu den jüngsten Strömungen reichen. Jetzt erst erhält das Wort des Thalmud, mit Abraham erst habe das Greisenalter begonnen, seinen tiefsten Sinn. Vor Abraham gab es keine Tradition — mit ihm erst und schon mit ihm beginnt sie. Wir wissen, daß er nach der Überlieferung die Gebote der Thorah schon hielt, bevor diese offenbart war — aber vor allem: sein Vater war ein Götzendiener und er also wie ein ,,Sohn von Fremdlingen*den an die „Taten seiner Väter" zu erinnern die Mischnah ausdrücklich verbietet2), der also selbst keine Tradition hat. Mit Abraham beginnt die Kette der jüdischen Tradition, und Abraham ist ihr der erste Greis. Solange die ersten Ältesten noch lebten, „die da wußten um alle Taten, die der Ewige an Israel getan hatte-'3), solange war Israel treu dem Dienste seines Herrn. In der entscheidenden Krise des davidischen Reiches, die wie jede Teilung des Einen Volkes — zugleich eine Krise des Monotheismus war, hörte Rechabeam nicht auf den Rat der Alten, sondern auf den der Jungen4). Aber der König, der die Jugend hatte, hatte damit nicht die Zukunft — sondern da er „den Rat der Alten beiseite ließ"5), so hörte er auch nicht auf sein Volk6), das hier mit den Greisen identifiziert war. Die Folge war: die Spaltung von Reich und Volk, der Abfall der Mehrheit vom davidischen Königshaus, das selber von der eigenen Tradition und Lebensquelle abgefallen war, und damit ein neuer Einbruch des Galuth in Israels äußeres und inneres Daheimsein. „Und so fiel Israel vom Hause Davids ab — *) Deut. 32,7 ff. i B. m. IV,io. ) Jos. 24,31. > 1. K. 11,10 ff.; 12, 8 ff. > 1. K. 12,13. 5) 1. K. 8) 1. K. 12,15, Heft 7. 27