Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Wertung des Alters im Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 416 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon: Salomonis durch jenes aus den Sprüchen der Väter1) ergänzen, das keinem Unwissenden rechtes Handeln zubilligt, so ist der Zusammenhang hergestellt. Nun ist allerdings gerade diese Weisheitsqualität des Alters in der mündlichen Lehre nicht ganz unbestritten geblieben. Es heißt imThalmud: „Man setzt ins Sanhedrion keinen Greis, keinen Kastraten und niemanden, der keine Kinder hat. Rabbi Jehuda fügte hinzu: Auch keinen Grausamen.*'2) Der Zusatz Rabbi Jehudas ist für unseren Zusammenhang vielleicht insofern wichtig, als er die Deutung stützen könnte, daß die Greise nicht ihrer mangelnden Weisheit wegen ausgeschaltet werden sollen, sondern vielmehr deshalb, weil sie eher zur Strenge neigen. Hingegen tritt das Problem in seiner ganzen Schärfe in einer Mischnah auf, die folgenden Gedanken ausspricht: die alten Unweisen werden im Alter noch verwirrter, die alten Thalmudgelehrten aber immer geklärter3). Hier liegt wohl der Schlüssel zu den verschiedenen Meinungen innerhalb der thalmudischen Tradition: biologisches Alter und geistiges Alter (Weisheit) müssen nicht zusammengehören, können aber zusammengehören, und zwar so, daß wohl das biologische ohne das geistige vorkommt, das umgekehrte Verhältnis aber nur in sehr seltenen Ausnahmen (die wir noch kennen lernen werden) Wirklichkeit wird. Schon die Möglichkeit dieser Verbindung aber sichert jedem Alter einen gewissen Grad von Ehrfurcht. Den Platz des Greises im monotheistischen System endlich kann nur der einnehmen, der beides vereint. Für ihn gilt die Definition des Sifrah zu Lev. 19,32, die ja wie jede echte Abgrenzung nicht nur ein-, sondern auch ausschließt. Mit diesem Begriff des „Alten", ,,der Weisheit gewann" und dessen Weisheit im Alter immer mehr zunimmt, haben sich unsere weiteren Ausführungen nunmehr allein zu beschäftigen. II. ,,Vor Abraham gab es keine Greisenalter", so meint derThalrnud4). Was bedeutet diese Feststellung für unseren Zusammenhang? Wir sahen schon, daß vor ihm die Menschen noch viel mehr Jahre erreichten, aber — die Zeichen des Alten fehlten. Wie diese in die Welt gekommen sind, weiß der Midrasch höchst tiefsinnig zu deuten: Abraham habe Gott um ein Unterscheidungsmerkmal von seinem Sohne Jizchak gebeten, weil die Ratsuchenden Vater und Sohn verwechselten5). Eine andere thalmudische Erzählung drückt den gleichen Gedanken mit noch größerer Präzision aus: als der achtzehnjährige Rabbin Gamliel der Zweite zum Oberhaupt der Thalmudschule gewählt wurde, ward er über Nacht mit 18 Strähnen weißen Haares gekrönt. Nun erst durfte er das Amt annehmen6). Beide Erzäh- Aboth II, 5. 2) Sanh. 36,b. Vgl. Maim., Mischneh Thorah, Sanh. 82, 3. 3) Kinnim III, 6. 4) B. m. 77a. 5) Breschith Rabbah 68. 6) Br. Rabbah. 28.