Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- M. J. Berdyczewski (Bin Gorion)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 410 (sequence 6)
- Language
- German
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Alexander Chaschin : Berdyczewski, der Mensch der Phantomwelt, die voll von Büchern und Träumen ist, baut seine Revolution auf eine Pyramide von losen Blättern. Die Aufklärungsgeneration, Gordon und Lilienblum, hatten sich ein bestimmtes Ziel gesetzt: das jüdische Leben zu verweltlichen. Die Figuren ihrer Dichtungen sind darum tatsächlich Helden, Helden, die kämpften und siegten. Siegten, weil sie einen Weg wiesen — zwar einen kurzen, aber einen bestimmten. Berdyczewski aber und seine Genossen, die Menschen der „Scheidewege", der historischen Umwege, sind verurteilt, Vereinzelte zu bleiben. Berdyczewski, der „Acher", der die alte Jüdischkeit vollkommen liquidieren gewollt hatte, blieb der „Verwaiste Klang" der hebräischen Literatur. „Zwischen Hammer und Amboß", zwischen der Westkultur, nach welcher er verlangt, ohne sie zu erreichen, und der „Sünde von Generationen", von welcher er fortstrebt, ohne sie loszuwerden, ringt er jahrelang. Berdyczewski wird die tragische Figur der vergehenden hebräischen Kultur. Er hat gekämpft, gestürmt, und am Ende ertappt er sich dabei, daß er über Grabmäler schreitet und sich mit Gespenstern herumschlägt. IV. Müde ist er vom Zweifel: „Den Jordan habe ich nicht überschritten und bin doch müde." Und eine stille Trauer durchdringt seine Artikel und Werke. Im Chassidismus und im Volkstümlichen sucht er ein Ausruhen. Mit volkstümlichen und chassidischen Legenden will er das Leid seiner eigenen zerstörten Legende einwiegen. Dies hat ihn wohl auch dem Jiddischen näher gebracht. Einer der Vielen Gegensätze in seiner Seele ist auch seine Anhänglichkeit ans Jiddische bei seiner ganzen hebräischen Gelehrsamkeit. Er konnte sich von den Wiegenliedklängen und der innigen Schlichtheit der Muttersprache nicht abwenden. Berdyczewski, der „Zerstörer" aller alten Werte, ist in Wahrheit der pietätvollste Mensch, der hilfloseste Romantiker, der nicht eine Faser seiner Seele von unserer Kultur losreißen kann. Sein ehrliches dichterisches Gefühl sagte ihm, „daß der Schlüssel zum verschlossenen Garten — zum Herzen des Volkes — die Volkssprache ist" (Injane laschon). Andererseits aber, als ein Mensch der „Werte von Generationen und Wandlungen von Generationen", meint er, daß „für das Jiddische jedes individuelle Schaffen schädlich ist und seinen volkstümlichen Grund fälscht" (Injane laschon). In seinen jüdischen Erzählungen findet man deshalb keine Spur seines geistigen Suchens und Leidens. Das feine geistige „Semmelmehl", wie er sich ausdrückt, behält er für den Sabbath, für die Sabbathsprache, aber für das alltägliche Jiddisch genügt — das einfache trockene Schwarzbrot. Seinen chassidischen und volkstümlichen Geschichten fehlt nicht nur die künstlerisch ziselierende Bearbeitung, sondern auch die ideensymbolische Verklärung eines Perez. Sie beleuchtet der wehmütige Schein der Einfalt „von der Mutter Schürze, an der sich barfüßige Kinder festhalten und um Brot betteln, um trockenes Brot . . (Injane laschon).