Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- M. J. Berdyczewski (Bin Gorion)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 411 (sequence 7)
- Language
- German
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M. J. Berdyczewski 411 Berdyczewski bringt die volkstümliche Primitivität, wie sie steht und geht, mit den wilden Gräsern und der ganzen Ungepflegtheit. Und eben das gibt seinen Erzählungen oft den besonderen Duft des Ursprünglichen und der unberührten Einfalt. * Die Wiederspiegelung seines ganzen tragischen Kampfes findet man nur in manchen seiner autobiographischen Erzählungen, wie auch in seinen Artikeln. Die Grenzen zwischen seinen Aufsätzen und seinen dichterischen Werken sind verwischt. In diesen findet sich viel Publizistik und in jenen viel intime Lyrik. Trotz ihrer künstlerischen Mängel sind sie wertvolle menschliche Dokumente aus jener Zeit. Die abendliche Trauer; der erste Blick verträumter, wie aus dem Schlaf gerissener Augen, der Ton des aufrichtigen Schmerzes — die machen diese Blätter einem nah und lieb. In diesen Herbstblättern aus der Übergangsepoche steigt die wehmütige abendliche Gestalt Berdyczewskis selbst herauf. Er hat das „Recht des Einzelnen" neben dem „Recht der Vielen" aufgestellt. Aber er hat keine Kraft gehabt, sein „Recht des Einzelnen" von dem der „Vielen" abzugrenzen und abzuschließen. Für den reinen Individualismus fehlte ihm der natürliche Boden: individuelle Interessen und Leidenschaften; und für das „Recht der Vielen" ermangelte er der elementaren Kräfte. Steuerlos, nach allen Richtungen trieb ihn der Wind umher. Für jede Stimme war in seiner Seele ein Echo, ob sie nun vom Olymp oder vom Sinai kam. Von allen ließ er sich führen und hat selbst nichts geführt. Er wollte sich befreien — und wurde noch mehr geknechtet. Für das Schwert fehlte es ihm an der Muskel und am Willen; ihn blendete der fremde Ideenglanz des Schwertes — des neuen Buches über das Schwert. Mit dem Brausen eines Ersten war er gekommen, und mit der Demütigung eines Letzten ist er gegangen. „Ich konnte nicht das Leben anfangen, weil ich der Letzte im Leben bin" (Ben hapatisch w'hassadan). „Am Scheidewege bin ich stehen geblieben und kann mich nicht nach rechts und nicht nach links wenden." Und als einen Verlassenen am Scheidewege hat ihn die ewige Nacht ereilt. Autorisierte, gekürzte JÜbertragung ^aus demjJüdischen von Abraham Suhl