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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 409

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
M. J. Berdyczewski (Bin Gorion)
Date
1924-01-01
Page
409 (sequence 5)
Language
German
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M. J. Berdyczewski von allem und allen und sich selbst sogar — so fühlt er sich. Deswegen wohl sind diejenigen seiner Erzählungen, die sein persönliches Leben wiederspiegeln, so wenig bildhaft, so arm an Schilderung und Geschehen. Das sind eher Lieder und Gedanken aus einem Tagebuch. So z. B. hat er in der ganzen langen Zeit seines Aufenthaltes in Deutschland die deutschen Bücher, aber nicht das deutsche Leben kennen gelernt. Diese Einsamkeit und Sehnsucht nach Menschen, an der er in Westeuropa litt, hat er besonders stark in seiner Erzählung „Hasar" ausgedrückt. Andererseits blieb er bei aller Sehnsucht nach einer jüdischen Umgebung in Berlin wohnen, weit von der unmittelbaren Berührung mit dem jüdischen Massenleben. Europa bedeutete für ihn europäische Literatur, Judenheit — jüdische Literatur, Volk — volkstümliche Geschichten. Aus der Ferne, aus der Höhe seiner Weltgebirge sah er alles wie im Traum: „Und die Welt träumt ihren langen Traum." Doch mehr als die Welt hat er selbst ein ganzes Leben verträumt. Sogar seine Gedanken sind mehr Traum als wahr, Gedankenträume. Nicht umsonst ist der Abend seine Lieblingsstunde. In der Dunkelheit der Abendschatten fühlt er sich, „daß er ganz sein ist und die Träume ganz die seinen und die ganze Welt sein". Dafür ist alles in seinen Augen verschwommen und unsicher. „Wenn wir etwas sogar hundertmal finden, so verlieren wir es zum hundertundeinten Male", oder: „Eben haben wir etwas bis auf seinen Grund erkannt, und morgen wissen wir wieder nichts davon" (Diwre safruth). Und erblickt er schon etwas im Leben, dann ist es episodisch, silhouettenhaft, blitzartig erblickt und erfühlt. Sogar das Weib ist ihm hauptsächlich ein Symbol und ein Abstraktum. „Ich pflegte Frauen zu lieben, noch bevor ich sie kannte . . . Mein armes Herz ist voll von zarter Liebe zu alle den zarten Seelen, die über Frauen geflucht haben" („Milwadah"). Dafür erblickt er oft alltägliche Dinge, horcht auf bei alten Geschichten, als seien sie eben erst erschaffen. Er ist immer bereit zum „Werk des Anbeginns", zum „Ersten Blick" auf die Dinge. Und plötzlich durchfährt ihn wie ein Blitz zum ersten Male die Erkenntnis von der ganzen Bodenlosigkeit seines Lebens. Er ertappt sich darauf, daß er eigentlich nur „Bücher für Bücher eingetauscht, aber in der Tat nichts geändert hat". Und: „Was können ihm Bilder von Welt und Leben geben, wenn er von der Welt selbst und dem Leben selbst nichts besitzt?" Er ertappt sich dabei, daß er jahrelang in einer Welt von Phantomen, Phantasien und Hoffnungen gelebt hat. Und in seinem persönlichen Gram stößt er wieder auf die Leiden von Generationen und die verrostete Kette des Erbtums, die auf seiner Seele lastet und ihn nicht aufatmen läßt. „Er hatte mit einem Mal alle Stricke zerreißen wollen, die ihn mit der alten Generation verbanden, und der erste eines neuen Geschlechtes werden wollen", aber die Bande hatten sich stärker erwiesen als er selbst. Umsonst ist sein Prometheuskampf mit seinem Milieu und mit sich selbst, umsonst stürzt er Grabmäler, wenn seine ganze Seele „in den Gräbern der Väter steckt". Aber nicht nur die Vergangenheit und seine eigene Gegenwart, sondern auch die Zukunft ist verloren.

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