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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 408

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
M. J. Berdyczewski (Bin Gorion)
Date
1924-01-01
Page
408 (sequence 4)
Language
German
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4o8 Alexander Chaschin: Im Gegensatz zu Frischmann, „der zu anderen und nicht zu sich selbst spricht, wie ein Mensch, bei dem selbst alles in Ordnung ist und der nur für andere Hilfe sucht; nicht wie einer mit einem Herzen voll Sehnsucht und Rätsel in seinem eigenen Leben; nicht wie einer, der für sich selbst einen Inhalt sucht, und dabei bekommen auch andere seine Stimme zu hören — sondern wie einer, der sofort zu kritisieren anhebt und auf die dunkelen Seiten dessen zu weisen, was andere tun" („Dor w'sofrow"). Im Gegensatz zu ihm spricht Berdyczewski für sich selbst, und voll Sehnsucht sucht er die Lösung für sein eigenes Leben, und während er für sich selbst spricht, mußte seine Stimme auch das Ohr anderer erreichen: „Wenn wir jüdische Menschen sein wollen, die aus einem Quell schöpfen, heilen wollen den ,Riß* in unserem Herzen, die Aufklärung des Westens und unsere Tradition auf eine Stufe bringen wollen, ganze Menschen mit einem Horizont, einem Gedanken, Kinder einer Zeit sein wollen.. . ." (Diwre safruth). Berdyczewski bekämpft nicht nur das alte abgelebte Ritusjudentum, sondern die ganze alte jüdische Kultur in allen ihren Formen und Verwandlungen. Er wird der schärfste Gegner von Achad Haam und seiner doppelten Buchführung von ,,Jüdischkeit und Menschlichkeit". Wie ein Vorfrühlingstag erschienen damals Berdyczewskis Artikel in der hebräischen Literatur. Nicht mit dem farbigen Schaum europäischer Feuilletons wie Rüben Brainin, nicht mit den feinen Manieren, Kunstformen und dem immerhin ein wenig frischem künstlerischem Gemüt wie David Frischmann — sondern mit neuen Ideen, mit einer neuen Weltanschauung kam Berdyczewski. Einen positiven, bestimmten Weg für die Zukunft hat Berdyczewski nicht vorgezeichnet, doch ihm schien, er wisse wo der Weg zu suchen sei. Wohin? Das wußte er selbst nicht. Er wußte nur, von wo man fort mußte. Er rief uns zu: Hinaus auf die Wege und sucht euren Platz an der Sonne! Berdyczewski hat vielleicht nichts aufgebaut und umgebaut. Er hat aber das Alte aus dem Schlaf gerüttelt. Berdyczewski hat den Reiz und die Verlegenheit des „am Scheidewege" Stehens ins Herz seiner Generation gebracht und über ihrem Haupt das große Fragezeichen erhoben. III. Als halb intuitive und halb intellektuelle Natur, in einer Welt des abstrakten Gedankens erzogen, blieb Berdyczewski auch in Westeuropa der Mensch der Bücher und Gedanken. „Tag und Nacht studiert er Wissenschaften, er forscht, um aus den Büchern dem Wissen vom Leben auf den Grund zu kommen, aber das Leben selbst berührt er nur ganz von ferne." „Wie ein Einsiedler sitzt er, in der brausenden Stadt, fern von der Welt und ihren Bedürfnissen" (,,Orwah parach"). Er grübelt viel mehr, als er beobachtet. Wie eingehüllt in eine Wolke von Gedanken und Träumen, geht er umher, wie eine Scheidewand steht es zwischen ihm und dem wirklichen Leben. Wie ein „entfernter Verwandter"

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