Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- M. J. Berdyczewski (Bin Gorion)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 407 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. J. Berdyczewski 407 gewordenen Haus hin, zum ,,anderen Ufer" (M'ewer l'nahar). Er riß sich heraus aus der Jeschiwah und ging in die große Welt. Als typische Stimmungsnatur, als ein Mensch, der vom letzten starken Eindruck fortgerissen wird, der plötzlich aus einem Extrem in das andere fällt, stürzte sich Berdyczewski mit der ganzen Begeisterung seiner Jugend auf die neuen Gedanken und Gefühle, die ihm in der europäischen Literatur entgegentraten. Er wurde von ihnen verschlungen und glaubte schon, daß er seine ganze Vergangenheit vergessen habe .... und seine ganze frühere Lebensart: „Ich habe vollständig vergessen, daß ich vor zehn Jahren ein Jeschiwahzögling war". Als ein Mensch der Gelehrsamkeit stürzte sich Berdyczewski vor allem auf die Literatur. Der europäische Bücherschatz hielt ihn gefangen. Der Reichtum an Ideen und Problemen, das ganze Labyrinth des menschlichen Gedankens, das sich vor ihm auftat, versetzte ihn in die größte Begeisterung. „Alle großen Gedanken, welche von allen großen Menschen gedacht worden sind, das ganze geistige Vermögen aller Völker und Sprachen steht ihm jetzt offen. Er braucht nur in die Bibliothek zu gehen, alles, was ihn nur zu wissen gelüstet, findet er dort." (Berdyczewski, Machnajim.) Dieses naive Entzücken ist für den abgesperrten Ghettomenschen, der seine besten Jahre in der Gasse der frommen Jüdischkeit verlor, nur natürlich. Seine durstige Seele berauschte sich an den weiten Horizonten, die sich ihm öffneten. Er fühlte sich wie neugeboren. Betäubt von den reizvollen und unheimlichen Problemen von Mensch und Welt, die auf ihn einstürmten, ging er erstaunt und verwundert in der fremden Stadt unter seinen neuen Büchern umher. Mehr als alle neuen Ansichten und „Lehren vom Herzen" entdeckte er das Herz selbst, das freie, noch unbeschriebene Herz. Und Berdyczewski hörte zum erstenmal verwundert auf das geheime Rauschen seines eigenen Herzens, und zum erstenmal spürte er über seinen Augen den geheimnisvollen Schleier: „Morgen und Abend, Sommer und Herbst, Leben und Tod und die Geheimnisse des Todes — alles, alles ist für ihn ein Rätsel" (Diwre safruth). Nicht so sehr die Antworten als die Fragen selbst interessierten ihn. Zu Beginn dachte er nicht an das allgemeine Beste. Er wollte nur sich selbst erlösen und einen neuen Inhalt für sein eigenes Leben finden. „Ich bin allein, und meine Träume sind hauptsächlich nur für mich allein .. Ich wollte nur mein Herz erleichtern, die Bürde der heiligen Erbschaft von Generationen abladen und meine menschliche Jugend auffrischen." Aber auf dieser Suche mußte er mit anderen zusammenstoßen, mit dem ganzen Berg einer „viertausendjährigen Kultur", der auf uns lastet und uns zum Leben unfähig macht. Berdyczewski wird der „Wühler" gegen &e Tradition. „Von dort müssen wir alle ihre Werte nehmen, ihr Denken, ihre Beziehungen zu der Welt und die Art ihrer Beziehungen. Bei uns muß man alles umkehren/4 „Andere müssen wir alle werden." („Achering")