Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 406

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
M. J. Berdyczewski (Bin Gorion)
Date
1924-01-01
Page
406 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101208-3109460--7154-3109514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

406 Alexander Chaschin: will, der nicht den Weg sucht für das Ghetto zu den „allgemein menschlichen Grundlagen" der Kultur, sondern die „allgemein menschlichen Grundlagen des Ghetto". Die neuen steigenden sozialen und ökonomischen Kräfte fordern aber freie weltliche Kultur. Der Drang nach dem Europäismus, der „Bund" gegen das Traditionsjudentum treten auf den Plan. Aber der großen Masse der Mittel- und Kleinbürger fehlen die historischen Voraussetzungen für den Übergang zur Westkultur. So entstehen Übergangsformen und sogar komische Typen des Europäismus. Nicht nur die ökonomische, auch die jüdische kulturelle Umwandlung hat ihre „Menachem Mendels von Jehupez" (Scholem Alechem). Der Drang zur allgemeinen Kultur war unvergleichlich größer als die Möglichkeit für sie, und so tauchte das Problem „Dürfen und Können" auf. Einige vermöglichere Gruppen, wie auch manche Individuen konnten rascher den Abgrund zwischen Ghetto und Westkultur überspringen. Das vertiefte den Kulturabstand und den Bruch innerhalb des jüdischen Volkes. Auf diesem Boden erwuchs der Widerspruch zwischen „Volk" und „Mensch", wie auch der Typus des „Acher", des Individuums, das aus der engen jüdischen Gasse in die weite Welt entflieht. Die hebräische Literatur jagte den lebendigen neuen Kräften nach, die ihrer nicht mehr bedurften, und wollte sie mit Gewalt unter ihrem Regime behalten. So entstand der unreale, abstrakte, rein literarische Europäismus. Ohne Auswahl und System zupfte man Stückchen aus der europäischen Literatur und flickte damit die hebräische. „Ein bißchen Byron und Goethe, Börne und Paul Heyse, Goldschmidt und Spielhagen — eine Art ,tikunschwuoth'; mit einer solchen gekünstelten Zusammenstoppelung will man bei uns eine lebendige natürliche Literatur schaffen, die alle Fragen von Leben und Geist behandeln soll, welche die westliche Aufklärung mit sich bringt". (Berdyczewski, Diwre safruth, 17). Es war die Zeit des Europäismus schlechthin, ohne jeden bestimmten Inhalt. Der charakteristische Repräsentant dafür war Rüben Brainin, wie der charakteristische Allerweltsmensch des damaligen „tickun schwuoth"-Stils Nach um Sokolow war. In dieser Zeit von Auf- und Untergang, in dieser Generation, die „am Scheidewege" stand, kam M. J. Berdyczewski. II. In Berdyczewski lebte eine natürliche Neigung zur Weltlichkeit, ein instinktiver Drang zu weiten Horizonten. Viele seiner Dorf menschen, die er in seinen hebräischen und jüdischen Erzählungen malt, haben eine gar nicht recht jüdische Art, plötzlich auf und davon über die Felder zu gehen, meilenweit in die umliegenden Dörfer zu reiten. Eben diese instinktive Neigung zur Natur und das Bedürfnis wie die Fähigkeit, sich mit einem Male herauszureißen und irgendwohin weit weg zu ziehen, besaß auch Berdyczewski. Ihn zog es wie organisch zum abgeschiedenen und fremd

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.