Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- M. J. Berdyczewski (Bin Gorion)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 405 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Alexander Cbaschin: M. J. Berdyczewski 405 ALEXANDER CHASCHIN / M. ]. BERDYCZEWSKI (BIN GORION) 1. In einer historischen Stunde zwischen den Zeiten, in der Mischung vergehender und aufsteigender Generationen, kam Berdyczewski. Das alte gleichartige Ghetto ist nicht auf einmal untergegangen. Die Wirrnis des Übergangsprozesses dauert noch bis heute an. Das Lied vom „Abgang" (Bergelson) wird noch bis heute in unserer Literatur gesungen. Der sozialökonomische Umbruch im jüdischen Leben, der Übergang vom Städtchen zur Großstadt, von alten Ghettoberufen zu neuen kapitalistischen, das Entstehen neuer Klassen von gegensätzlichen sozialökonomischen Gruppen, der Kontrast zwischen neuer und alter Generation, der Kontrast unter den neuen sozialen Typen selbst, der Konkurrenzkampf nach innen und nach außen — das alles schuf ein großes ideologisches Chaos, einen Gedankenwirrwarr und einen Kulturknäuel, der sich bis heute noch nicht gelöst hat. Im Schatten des neu entstandenen Lebens waren noch einige Städtchen verstreut, „wo die Krämer sich noch mit der Thorah und den Geboten, wie mit Ware und Geschäften befaßten; wo alles wie gestern und ehegestern war; wo man sich wie die Eltern und Großeltern benahm" . . . (Berdyczewski „M'ewer l'nahar"). Und in den Städtchen, die durch den Kapitalismus umgebaut werden, ist zu merken: „Eine verkehrte Welt! Was oben war, unten, und was unten, oben. Die guten Bürger, reichen Leute, die Frommen, die oberen Zehntausend der Stadt, die immer obenan saßen und die Wohltäter waren, alle diese sind heute heruntergekommen. Zu Ende ists mit den „großen Mühlen", dem Export von Mehl, den Branntweinbrennereien und dem Zuckerhandel. .. . Bei den alten Reichen blieben nur Andenken an die einstmalige Größe, ein paar silberne Löffel und Gabeln oder ein silberner Becher, oder ein Silber- Besatz auf dem Betmantel; irgendwo in einem Winkel im Hof ist bei einem noch eine alte Kutsche verblieben — ein Andenken an einstmals besessene Pferde; und bei einem anderen — etliche vereinzelte kahle Bäume---- Dafür aber ist der Pöbel der Stadt, die ehemaligen Holzhacker und Wasserträger, Pferdehändler, Dienstleute, die Kinder von Synagogendienern, Leute, die nicht lesen und schreiben können, die mit knapper Not das Gebet hersagen — sind diese heutzutage heraufgekommen, verdienen klotzig und machen Geld____ Sie sind jetzt die Tonangeber und Hauptpersonen der Stadt." (Berdyczewski, „Dor holech".) Das eingewurzelte, übrig gebliebene „Städtchen" und die vornehm gelehrten feinen Leute kämpfen mit den neuen zerstörenden Kräften und werfen als Gegengewicht zur fremden Kultur „die viertausendjahnge Tradition" in die Wagschale, es entsteht der Achad-Haamismus, der die neue Kultur durch den Filter der alten Tradition hindurchgehen lassen