Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 403 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jerusalem 4<>3 überwundenen Schmerzes bleibt dann für ewig in der Seele zurück als Assoziationsmotiv. Dieses Verbindende ist im Jüdisch-Religiösen der Gesang, die Deklamation, Pathos und Ornament des bewegten Körpers. Wie im Körperlichen führt die Übung, das Exerzitium das Ungewöhnliche auf Eingewöhntes und das Sensationelle auf Heilsames, Energisierendes.____ Ich-Erlösung wird Menschheitserlösung, wo das Ich die Menschheit so sehr liebt, daß es von sich nichts außer dieser jLiebe weiß. Nur die Hingebung in Liebe zum Ganzen und zu jedem Teil führt zur höchsten Erhöhung des Ich. Aus jeder Liebe kann Hingebung werden und aus jeder Hingebung Liebe. Am Anfang war die Liebe zum Leben, die einen Körper suchte, um sich zu begeistern. Am neuen Anfang wird die Liebe zum Körper sein, die die Idee sucht, um sich zu vergeistigen. — Ich sehe an den Türen der Ärzte, die ich als Begleiter Dr. Ijefs besuche, Mesusoth. Dr. Ijef läßt sich von der aufstrebenden Exaltation übermannen und küßt eine. Aber seine Rührung galt nicht ihr. Darum versinkt die Bewegung, kaum daß sie mit der Luft der Wirklichkeit in Berührung gekommen ist. Auch ich bekam an der Klagemauer in einem Momente die Anwandlung, sie zu küssen. Es ist falsch ünd schädlich, seine Gläubigkeit von Anlässen verführen zu lassen. Unsere Religiosität ist andershin gerichtet. Gemeinsam kann für Augenblicke das werden, woran wir glauben — aber wehe jenen, die der Psychose des Dienstes für ein fremdes Zeichen verfallen! — Die Hänge des Emek Haaschputh sind ein Friedhof. Hunderttausende Tote liegen hier unter hunderttausenden Grabsteinen. Die Erde ist zugedeckt, ganz mit Platten belegt, zwischen denen die schmalen Restchen Boden nur Fugen sind. Gegenüber diesen Gräbern, auf der anderen Seite des Tales, ist eine jemenitische Stadt gebaut. Die Häuser sind den Felsen aufgesetzt, wie das Gelände befahl. Jede Faltung und jede Erhebung ist benützt, bald einem gratähnlichen Vorsprung eine kurze Wand übergebaut, bald über eine Mulde ein breiteres Dach gezogen. Das Ganze erhält den Ausdruck vom Gestein: primitiv wohnlich gemachte Natur. So ist auch Jerusalem anzusehen. Es kam ein Volk und baute seine Stadt — sie wurde zerstört. Dann kam ein anderes Volk und errichtete sein Heim auf der zertrümmerten Natur. Und nacheinander bauten und zerstörten — wieviele? Hier haben die Menschen vieler Rassen ihre besten Kräfte verbraucht. Aber dieser Aufwand setzte sich in eine Quelle der Imagination um, und die Völker, die nach verschiedenen Richtungen gewachsen sind, wenden ihren Blick immer wieder zurück. In Jerusalem ist die historische Spaltung des jüdischen Volkes geschehen. Hier geschah dessen wirkliche und idealistische Verschönung, Wer sind die Geister seines Geistes geblieben. Darum wird die Antwort jedes Ich, das Teil hat an diesem Geiste, romantisch und ihm gemäß messianisch. Jüdischer Idealismus will erlösen, nicht 26*