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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 404

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Jerusalem
Date
1924-01-01
Page
404 (sequence 6)
Language
German
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404 Albert Maurüber: Jerusalem nur befreien. Die Erinnerung an Jeruschalajim ist das Gedächtnis der Seele, die sich um Erneuerung bemüht. — Einen Staat baut man nicht mit Opfern, sondern mit lebenden, starken, an Überwindung von Schwierigkeiten gewöhnten Menschen. Opfer werden gebracht, um den Staat zu verteidigen. Arbeitskundige, arbeitliebende Menschen sind nötig. Mit ihnen und auf ihnen errichtet man die Gemeinschaft. Sie dienen hundert Jahre dem Werke, dann ist ihre Wirkung erloschen. Ihr Wert bleibt erhalten im Gedächtnis der Menschen, aber ihre Gedanken, ihre Arbeitsmethoden sind Geröll vor der Davidszitadelle geworden. Ihre Wirkung vergeht vor der Wirkung der Elemente. Wind, Wasser, fortschreitendes Wissen, Sonne, Kritik und Streben zermalmen ihre Arbeit und sie wird zu Sandkörnern, zu aphoristischen Sätzen, zu Bodenzusatz, aus dem die Pflanze, der wachsende Gedanke, das werdende Gefühl Nahrung nehmen. Ihr Schicksal gleicht dem der Pflanze und des Tieres: ewige Metamorphose. Unvergleichbar ist nur das Leben der Großen. Sie waren, und man weiß nicht, wie sie geworden sind. Sie entschwanden, und es ist nicht zu erdenken, wohin sie wirkten. Sie lebten auf der Erde, über ihr, haben die Sonne verdunkelt und die Nacht erhellt, Sturm erzeugt in der Windstille, Narren erfreut, wo Weise sich grämten, Kinder begeistert, wo Männer verzagten. — Aus tiefer Sehnsucht schreit der Esel. Die Töne dieses Schmerzes sind überall im Lande zu vernehmen. Am Tage und bei der Nacht ringt sich das Flehen aus dieser Kreatur, die leidet wie keine. Der Araber ist zu ihr von wilder Grausamkeit, unbegreiflich: derselbe, der das Kamel mit bezaubernder Güte behandelt. Fünf Kamele liegen nicht weit von hier im Sande und erholen sich, wiederkäuend. Unbewegt verharren sie in der typischen Kniestellung; ihr Blick, unter halbgesenktem Augenlid, ist Güte und Sanftheit. Sie gehorchen dem Wink. Zwischen einem arabischen Burschen und seinem Tiere beobachtete ich eine Abküsserei wie zwischen Liebenden. Sie küßten einander schmatzend auf Mund und Wangen; der Bursche lachte und das Kamel schluchzte. — In Jerusalem wohnen? Nein. Aber in jedem Jahre hierher kommen, sich die Augen öffnen lassen und durch die Tage in die Jahre, durch die Jahrhunderte in die Jahrtausende schauen. Den Stein lebendig sehen. Phantasieren. Schäumen. Diesen Himmel der Herausforderung, der Heraufforderung über sich wissen. Erleben: die Kälte der Größe und der Sterne, die Wärme der Gemeinschaft und der Entfernung. Sich in die Farben versenken. Von den Krisen der Gegenwart wissen, daß sie aus dem Vergangenen kommen und in die Zukunft weisen. Wissen. Bewußt werden. In Jerusalem wohnen: man könnte es nicht ertragen. Und wenn —? Nein. Im Lande, in der Welt leben von Tag zu Tag —, hier wachsen vom Stein zum Stern. Erstarren in Zucht. Flimmern und glänzen vom einfallenden Gedanken und durch stürzenden Gefühl. Demütig sich dehnen unter der Übermacht *des Kommenden. Sich bestauben lassen vom Sande.

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