Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 402 (sequence 4)
- Language
- German
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402 Albert Maurüber: den Füßen klingt es hohl: Zisternen. Eben kommen Männer und Weiber von allen Seiten mit den Blechkannen, um Wasser zu schöpfen. Die Moschee ist so schön und anregend gebaut, daß jedermann im Anschauen Vergnügen haben wird. Ebenso von den über den Plajtz zerstreuten kleinen Kuppelbauten, Gräbern und Denkmälern, deren jedes anders und immer kunstreich gearbeitet ist. Ich habe keinen Führer zur Information mit und kann mich, unbeschwert vom Wissen, an den vielartigen Bauten freuen, an Schönheit der Farbe, an Form, an Fügung der Steine. Zuletzt bin ich satt und streife hilflos auf der Plattf orm umher, will mehr aufnehmen — vergebens. Ein Ruf stört mich auf. Erregt naht ein Diener und weist mich vom Platz. Die Stunde des Gebetes kommt, kein Ungläubiger darf an dem heiligen Ort bleiben. — Mitternachts, sehr müde nach dem Abend an der Klagemauer. Die Frommen haben im Ejchu joschwu-Gebet ihre Herzen erleichtert. In Klage und Schmerzekstase verbrannte das Leid. Zuletzt war es nur Seufzen. Wie waren diese Alten hingegeben! Ja, sie fanden einen Weg, Kinder vor der Mutter Jeruschalajim. Ihr, nicht Gott, weinten sie vom Leiden in allen Jahrhunderten. . . Ich setzte mich neben die Mauer und hörte den Stimmen zu. Von ihnen geführt ging ich einen Weg durchs Land, und es wurde verständlich durch den Rhythmus der Betenden. Nur hier, im Tropenklima, werden die Menschen reif zu übergroßer Kraftentfaltung. Nur hier, unter der glühenden Sonne, erglüht die Seele. Nur im größten Reichtum der Natur konnte der Gedanke von der Armut, konnten die Religionen des Verzichtes entstehen. Wo die Not des Denkens am größten, ist der Geist nahe. Aus tiefstem Leid wird Erlösung . . . Ich erlebe die Hingegebenheit des Juden Jesus. Wer sich an das Große gibt, kann das Kleine nur mit dem Finger berühren. Aller Schmerz des Körpers und der Seele schwindet in der Ekstase der erlebten, erlittenen Idee. Aber die Idee hält nur den fürs ganze Leben, der sie ganz ergriffen hat: nur den Liebenden befällt sie an der Seele. Jesus mußte vereinsamt werden. Als seine Brüder aus dem Banne der Suggestion erwachten, verziehen sie es ihm nicht, daß sie erwacht waren, und von dieser Wendung an verstanden sie ihn nicht, und weil sie ihn nicht mehr verstanden, sahen sie in ihm den Größenwahnsinnigen ihresgleichen und verlachten ihn. Aber er war nur wahnsinnig für die Idee. . . . Ich ging von der Mauer, müde, daß ich mich kaum im Gleichgewicht halten konnte. Und so wurde der Weg ein seltsamer Geh- und Denkrhythmus. Ich war wie ein Flußbett, und ein mächtiger Strom ging durch mich. Bestandteile tauchten in mir auf, die ich nie gesehen hatte, Inseln, Anhaltsorte, wo sich das Fremde festgesetzt hatte und nun wahrnehmbar wurde. Gehen und Denken. Von allen Seiten der Druck, der mich stützt. Ein Händedruck, den Ichweißnichtwer Ichweißnichtwem gab — ich: im Gefängnis zwischen den Handwänden des Schicksals. — Geht die Exaltation vorüber, so tritt Erschlaffung ein. Ein Naturtrieb verhindert die Erschöpfung oder hilft, sie zu überwinden. Die Lust des