Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 401 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jerusalem 401 halber herübergekommen ist und den Zug versäumt hat, schneidet Fleisch in ganz kleine Stücke und lacht jedesmal, wenn der Zuckerbäcker piepsend sich an einen Witz heranwagt. Nach dem Essen ging ich noch vors Hausund betrachtete lange die Davidsmauer, die streng geschichteten Steinmassen, deren obere Linie, mit den drei kleinen Türmen und dem mächtigen Hauptturme, unerbittlich Erde und irdisches Werk vom himmlischen Blau trennt Unbelebt, gelb leuchtend, teilnahmslos starrt der Bau in den Himmel voller Sterne. Wer wird hier stehen und nicht, noch in dieser Verschlossenheit und Abwehr der getürmten Steine, Trotz, Stolz, Majestät empfinden? Und wer wird sich nicht beugen müssen, ehe er aufatmend hinauf schaut in das erlösende Blau? Ich stand und schaute. Und habe die Bewegung der Sterne wahrgenommen. — Mein Wirt gefällt mir. Trotzdem, daß ich bei ihm, auf den Hügeln des ehrwürdigen Diwans, schlecht geschlafen habe. Er ist ein gläubiger, sanfter Mensch, der im grauenden Tag Psalmen betet. Ich ging zur Stadt, kaufte Pitte, das wohlschmeckende brezelähnliche Gebäck der Araber, dazu Weintrauben, und aß im Gehen. Aus einer Nebengasse tretend, befand ich mich auf einem Kirchplatz. Die Front der Kirche schließt eine Seite ab, auf den anderen Seiten Klostergebäude. Der Platz ist etwa 400 Quadratmeter groß, mit alten Steinplatten bedeckt. Auf der rechten Seite liegen zwei verstümmelte Säulen. Die Eingänge in die Häuser sind von ebensolchen Trümmerstücken flankiert, die zur Hälfte ins Mauerwerk eingebaut sind. Im rechten Winkel, zwischen Kirche und Kloster, ein niedriger Turm, vor dem Zerfallen durch viele Eisenklammern und zwei um die Mauersteine geschmiedete Bänder bewahrt. Ein unkirchlich runder, gelb und rot angestrichener Turm wirkt und winkt aus der Nachbarschaft herüber. Auf einem der uralten Steinquadern saß ich und notierte die Denkwürdigkeit dieses morgenstillen, schattigen Klosterortes. Aber was ich aufschrieb, war nicht wesentlich. Unbeschreibbar bleibt die Seele dieser Örtlichkeit, das Unnennbare, das das Angeschaute andersartig bleiben läßt nach aller Mühe des Ganz- und Großanschauens, die Einordnung dieser Gegebenheit in die Umgebung des Vorher und Nachher, der Historie, des Klimas, der Kasse — die Lebensäußerung des Dinges. Unbeschreibbar bleibt die Stimmung, die Stimmen, die man hört, in sich und um sich als Klang und Widerhall der Gegenwart, die zarte, träumerische, ganz erfüllende und irgendwohin reißende Musik dieses Punktes einer Welt, sphärische Musik, gespielt vom verdeckten Orchester des Gewesenen, begleitet von der erregten Phantasie, die zu allem blitzartige Leuchtsignale entwirft. Ergriffen von dem, was ich nicht halten konnte, ging ich weiter, durch enger werdende Gäßchen, tiefer steigend und nach Durchschreiten eines Gewölbganges vor der Omarmoschee anlangend. Ein Diener macht mir klar, daß ich die Zigarette abzulegen habe, dann darf ich den Platz betreten. Uralte Ölbäume, eisern gestützt; Kanzeln. Über eine breite Treppe auf <Üe Plattform des Riesenrechteckes, zum Mosaikbau der Moschee. Unter Heft 7. 26