Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 400 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Albert Maurüber: am Horizont wächst ein grauer Turm empor, eine Mauer, Kirchtürme, Häuserdächer. Nach einigen schnellen Schritten liegt der Turm Davids vor mir und die Stadtmauer. Zwischen ihnen und meinem Standort ist ein Platz ganz mit Steinbrocken übersät, hier und dort durch große Blöcke und durch vereinzelte alte Ölbäume charakterisiert, eine wüste, verlassene, verlorene Fläche, die sich zu einem Tal senkt und auf der anderen Seite zögernd, halb bebaut, zur Stadt hinan steigt. Die Straße, auf der ich gehen soll, führt in einem großen Bogen links herum dorthin. — Ich bin drei Stunden durch die Stadt gegangen. Ohne Plan durch Gäßchen, so schmal, daß sie nur für Fußgänger und Tiere zu passieren sind, an der Mauer entlang, dann im Gewirr der inneren Stadt, durch steinerne Höfe, über Stufen hinunter, durch noch schmälere Gäßchen. Unversehens kam ich zur Klagemauer, betrachtete sie mit gieriger Aufmerksamkeit und deshalb ohne Beziehung, und ging dann zurück. Die Häuser liegen in Stockwerkhöhe; durch welches Tor ich auch blickte, überall sah ich in den Hofraum hinunter. Nur in etlichen habe ich Menschen erblickt. Würde nicht der Lärm von der Basarstraße herübertönen, man könnte sich in einer verlassenen Ruine wähnen. Steinwände, Steinpflaster, Steinbögen, Steinsäulen, Steinböcke. Ein unentwirrbarer Bau aus Kalk- und Marmorgestein, überall zusammenhängend, unterirdisch und über dem Pflaster ineinander übergehend, strebend, strebend — wohin? Ein Jude spricht mich an. Ob ich schon Quartier habe? Nein. Er wolle mich in ein Hotel führen. Ich folge ihm durchs Jaffator in die Montefioresiedlung zu einem alten Chassid. Das Hotel ist mir recht: ein Wohnzimmer, in dem drei Betten und ein zerbrochener, erfolgreich zum Gebrauch erhaltener Diwan stehen. Ich esse eine Kleinigkeit und gehe. Es duldet mich nicht im geschlossenen Raum. Und ich irre wieder durch die Stadt. Der Basar ist riesig groß; mit ihm verglichen mutet der von Haifa als Spielzeug an. Warenlager sind zu sehen, die das Erstaunen immer größer machen. Alle, alle Geschäfte sind hier konzentriert. (Außerhalb des Basars sind Lebensmittelgeschäfte selten, andere überhaupt nicht zu treffen.) Ich gehe von Laden zu Laden und tue immer wieder das, was jeder Europäer hier empfindet, denkt und tut: gaffen. Endlich bin ich ganz müde, erfrage das Beth Linah, mit der Absicht dort zu schlafen. Kein Mensch begegnet mir im Hause, ich gehe durch zwei leere Schlafräume und lege mich auf ein Bett. Aber nach einiger Zeit muß ich wieder aufstehen, das Bett ist — wie man bei uns im Osten sagt — lebendig. Und ich mache nochmals den Weg zu dem alten Chassid. Bei ihm ruhe ich auf dem stöhnenden Diwan soweit aus, daß ich — es ist Freitag, — nach dem Anzünden der Lichter und nachdem die drei anderen Gäste mit dem Baal ha bajith aus dem Bethaus kommen, mit ihnen essen und an ihrem Gespräch teilnehmen kann. Ein Zuckerbäcker aus Polen, ganz ergraut, gutmütig, zierlich von Gestalt, erzählt mit heiterer Stimme Geschichten aus der Heimat. Der Tischler, der auf Arbeitssuche hier ist, hört ihm zerstreut zu; er wartet auf Briefe aus Litauen, deren wochenlanges Ausbleiben ihn verstört macht. Der dritte, ein Batlen aus Tel-Awiw, der Geschäfte