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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 398

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
398 (sequence 13)
Language
German
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398 Arjeh Tartakower: Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus an den Tag lege. Wenn man auf Grund dieses Beschlusses den Polen und den Tschechen eine besondere Vertretung in der Internationale zugebilligt habe, so dürfe man sie auch der jüdischen Arbeiterschaft nicht verwehren. Das jüdische Volk bilde eine ganz besondere Gruppe unter den anderen Völkern, gekennzeichnet durch Zusammenballung in bestimmten Gebieten Europas und Amerikas, durch die Anomalität seiner wirtschaftlichen Lage — Mangel eines Ackerbaustandes, Hypertrophie an Händlern und Heimarbeitern — und deren Folgen, sowie insbesondere durch den ungeheuren Emigrationsdrang, der ein besonderes soziales Phänomen darstelle. So könne denn beim jüdischen Proletariat von einer Scheidung durch Landesgrenzen keine Rede sein. Es führe ein eigenartiges Leben, habe besondere, allen seinen Teilen gemeinsame Ziele — so vor allem den Kampf um nationale Gleichberechtigung und Anerkennung der jiddischen Sprache, den Kampf gegen die jüdische Plutokratie und die Organisierung der Emigration — und könne diese Ziele nur gemeinsam erstreben. Daher müsse es auch eine besondere Vertretung in der Internationale haben. Diese Denkschrift, die ein bedeutsames Dokument in der Geschichte des jüdischen Sozialismus bildet, erreichte aber vorerst nicht ihr Ziel. Das internationale sozialistische Bureau zögerte, einen Schritt zu tun, der seiner bisherigen Praxis direkt widersprach und der auch in seinen Statuten gar nicht vorgesehen war. Anderseits bekämpfte der „Bund", der damals trotz seiner großen Schwächung in den Reaktionsjähren noch immer die stärkste jüdische sozialistische Partei blieb, den Gedanken einer jüdischen Sektion in der Internationale in heftiger Weise, was seine Wirkung auf das internationale sozialistische Bureau nicht verfehlte. Der „Bund" wies immer wieder darauf hin, daß eine sozialistische Partei in erster Linie eine politische Partei sei, die bestimmte Ziele innerhalb eines bestimmten Staates verfolge und außerhalb eines bestimmten Staates gar nicht gedacht werden könne. Folglich habe eine überterritoriale jüdische Sektion keinen Sinn, und der Gedanke müsse sogar als schädlich bekämpft werden, da er die Kräfte des jüdischen Proletariats von seinem eigentlichen Betätigungsfeld ablenke. Ferner muß daran erinnert werden, daß der „Bund" gerade zu jener Zeit auch den Gedanken einer allweltlichen jüdischen Nation heftig bekämpfte, was seine Stellung in der Frage einer besonderen jüdischen Vertretung in der Internationale mit beeinflußte. So blieb denn das jüdische Proletariat bis zum Ausbruch des Weltkrieges ohne besondere Vertretung in der Internationale. Es kamen allerdings Fälle vor, wo sich das Verbandsbureau der „Poale-Zion" direkt mit dem internationalen sozialistischen Bureau verständigte und es zu besonderen Schritten veranlaßte. So forderte z. B. das internationale sozialistische Bureau auf Veranlassung der „Poale-Zion" anläßlich des Beilisprozesses in Rußland sämtliche sozialistische Parteien zu Protestdemonstrationen auf. Doch war all dies nur etwas Außerordentliches und Gelegentliches. Ständig vertreten waren bloß der „Bund" und die Sejmisten als Teile der russischen sozialistischen Partei, und auch diese Vertretung war keine besonders große. Von den 20 Stimmen, die die russische sozia-

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