Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 396 (sequence 11)
- Language
- German
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396 Arjeh Tartakower : liehen jüdischen Arbeiterschaft hätte führen müssen. Seine Stellungnahme in dieser Frage präzisierte er jedoch erst einige Jahre später, als die Frage einer besonderen jüdischen Vertretung tatsächlich aktuell wurde. Auf dem internationalen sozialistischen Kongreß in Stuttgart 1907 entspann sich wiederum ein Kampf um das Stimmrecht der jüdischen Delegierten, und wiederum innerhalb der russischen Delegation. Auf dem Kongreß waren nunmehr außer dem „Bund" auch die Vertreter der S. S. und der Sejmisten erschienen. Während jedoch den Sejmisten das Stimmrecht innerhalb der russischen Delegation und hierdurch auch auf dem Kongreß durch die S. R. ohne weiteres gewährt wurde, verweigerte die R. S. D. A. P. den S. S. die Aufnahme in die russische Delegation. Die S. S. apellierten an das internationale sozialistische Bureau, das dann nach langen Verhandlungen trotz des Widerspruches vieler prominenter Führer der anderen Delegationen, unter ihnen auch Viktor Adlers, im August 1907 beschloß, sie mit beratender Stimme zum Kongreß zuzulassen. So waren denn auf dem Kongreß drei voneinander ganz unabhängige jüdische sozialistische Parteien vertreten, von denen zwei: der „Bund" und die Sejmisten aktiv in die Beratungen des Kongresses eingriffen. Der „Bund" legte dem Kongreß ein langes Memorandum über die Emigrationsfrage vor, das die Entwicklung der Frage historisch darlegte und in den Ausführungen gipfelte, daß die Erscheinung der Emigration der Arbeitsuchenden durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung verursacht sei und so lange bestehen bleiben werde wie jene, daß es daher keinen Sinn habe, sie durch irgendwelche Beschränkungen der Emigrations- oder Immigrationsfreiheit bekämpfen zu wollen. Das Memorandum wandte sich gegen die engherzige Politik mancher Arbeiterorganisationen, die die Immigration bekämpften, und betonte, daß das einzige Mittel, um die schädlichen Wirkungen dieser Erscheinung zu paralysieren, sei, den gesetzlichen Arbeiterschutz in den Einwanderungsländern auszubauen, einen Maximalarbeitstag und einen Minimallohn zu statuieren und die eingewanderten Arbeiter in die Gewerkschaften aufzunehmen. Zugleich verlangte das Memorandum die Schaffung von staatlichen Aus- und Einwanderungs- sowie Arbeitsvermittlungsämtern unter der Kontrolle der Arbeiterorganisationen. — Auch die Sejmisten machten die Emigrationsfrage zum Gegenstand ihres Auftretens auf dem Kongreß. Sie verlangten insbesondere Schonung der nationalen Eigenart der Einwandernden und glaubten, daß auf diese Weise die schädlichen Wirkungen der Immigration für die Arbeiterschaft des Landes beseitigt werden könnten. Die Leitung der Emigrationsangelegenheiten müsse Sache der nationalen Selbstverwaltungsorgane werden. Die einwandernde Arbeiterschaft müsse in besonderen nationalen Gewerkschaften organisiert, und es müsse ihr ein besonderes Maß nationaler Autonomie, insbesondere in Kulturangelegenheiten, eingeräumt werden. — Indessen konnten diese Vorschläge der Sejmisten wegen ihrer verspäteten Zulassung zum Kongreß nicht mehr erwogen werden. So wurde bloß ihr Vorschlag auf Erleichterung ^der Naturalisierung der Immigranten angenommen.