Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 395 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 395 nicht gewachsen. Zuerst mußte das Verständnis für eine derartige Forderung geweckt werden, was aber wegen des erbitterten Widerstandes des „Bund" nur sehr schwer gelingen wollte. So stand denn die Frage einer besonderen jüdischen Vertretung in der Internationale seit den ersten Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts fast ununterbrochen auf der Tagesordnung der Beratungen der internationalen sozialistischen Kongresse und des internationalen sozialistischen Bureaus. Das erstemal war allerdings die jüdische Arbeiterschaft bereits auf dem internationalen sozialistischen Kongreß im Jahre 1892 vertreten. Dort erschien eine Delegation der jüdischen Gewerkschaften Amerikas mit Abraham Kahan an der Spitze, die die eigenartige Lage der jüdischen Arbeiterschaft und ihre spezifischen Bedürfnisse zu erklären suchte. Die Delegation sprach auch den Wunsch aus, daß man der jüdischen Arbeiterschaft als solcher eine Vertretung auf dem internationalen Kongreß zubilligen möge. Indessen war zu jener Zeit kein Verständnis für eine derartige Forderung zu finden. Der Kongreß forderte vielmehr die jüdische Arbeiterschaft zum Eintritt in die sozialistischen Landesparteien auf. Auch auf dem internationalen sozialistischen Kongreß in London im Jahre 1897 war die jüdische Arbeiterschaft durch Plechanow und Wera Sasulitsch vertreten. Doch war es das erstemal nur die jüdische Arbeiterschaft Amerikas, das zweitemal nur diejenige Rußlands, die sich auf dem internationalen Kongreß Gehör zu verschaffen suchten. Die Frage einer besonderen jüdischen Vertretung in der Internationale tauchte zum erstenmal auf dem internationalen sozialistischen Kongreß in Amsterdam im Jahre 1904 auf, und zwar im Zusammenhang mit dem schweren Kampf, den damals der „Bund" um sein Mandat als Teil der russischen Delegation zu führen hatte. Es bestand damals noch das Zweistimmensystem in der Internationale. Jedes Land hatte zwei Stimmen, und wo mehr als eine sozialistische Partei bestand, war es Sache der betreffenden Delegation, die beiden Stimmen untereinander aufzuteilen. Nun gab es in Rußland drei voneinander unabhängige Parteien: die S. R., die R. S. D. A. P. und den „Bund", der damals keinen Bestandteil der R. S. D. A. P. bildete. Die Stimme der Sozialrevolutionäre konnte nicht ernsthaft in Zweifel gezogen werden. Es handelte sich nur darum, wem die andere Stimme zufallen solle. Es bedurfte langer und sehr schwerer Verhandlungen, bis sich eine Kompromißformel fand, wonach das Stimmrecht von beiden Parteien gemeinsam ausgeübt werden sollte. Während dieser Verhandlungen trat nun Dr. Schitlowski, der damals Mitglied der Delegation der S. R. war, an den „Bund" mit dem Antrag heran, eine besondere jüdische Delegation auf dem Kongreß durchzusetzen, was ja zugleich eine Lösung der betreffenden Frage bedeuten würde. Doch hatte der „Bund" gar kein Verständnis für einen derartigen Schritt. Man zog den Antrag Schitlowskis nicht einmal ernstlich in Erwägung und fertigte ihn mit der Begründung ab, daß man zuerst die Resultate der Bestrebungen der armenischen Delegation um eine besondere Vertretung abwarten wolle. Tatsächlich war jedoch der „Bund," prinzipiell gegen einen derartigen Antrag, der in seinen Konsequenzen zur Anerkennung des Begriffes einer allwelt-