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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 393

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
393 (sequence 8)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 393 einigung der beiden Parteien vorbereitet haben, die einige Jahre später zur Tatsache werden sollte. Die erste Annäherung hatte allerdings bereits kurze Zeit vorher begonnen, seitdem die S. S. langsam ihre zuerst ganz ablehnende Haltung in der Frage der nationalen Autonomie aufzugeben begannen. Bereits die Wiener Delegiertenkonferenz der Partei, die kurze Zeit vor den Vereinigungsverhandlungen stattfand, erklärte diese Frage zum Diskussionsgegenstand für die Partei. Fast zu gleicher Zeit fand die Konferenz der Sejmisten statt, deren Beschlüsse sich für die Festigung der territorialistischen Einstellung der Partei und für die Konkretisierung ihrer Tätigkeit in dieser Hinsicht aussprachen. So brachten denn schon diese beiden Konferenzen eine bedeutende Annäherung der beiden Parteien, die durch die darauffolgenden Vereinigungsverhandlungen noch vergrößert wurde. Als Resultat dieser Verhandlungen wurden von den Führern der beiden Delegationen, Anin und Ratner, 10 Thesen einer gemeinsamen Plattform ausgearbeitet, die ein sehr interessantes Dokument in der Geschichte des jüdischen Sozialismus bilden. Ich gebe sie — das Original ist in jiddischer Sprache verfaßt — in wortgetreuer deutscher Übersetzung wieder. Sie lauten: „i. Der Klassenkampf des jüdischen Proletariats umfaßt auch den Kampf für die nationale Befreiung des jüdischen Volkes. 2. Der letzte Grund des jüdischen nationalen Problems ist die Exterritorialität des jüdischen Volkes, die dessen wirtschaftliche Rückständigkeit, politische Schwäche und kulturelle Armut verursacht. 3, Die exterritorale Lage des jüdischen Volkes ruft in erster Reihe das Bedürfnis hervor, das jüdische Leben in der Galuth auf Grundlage der nationalen, personalen Autonomie mit breiten Kompetenzen zu organisieren, die nicht nur Fragen der Kultur und Bildung, sondern auch sozialökonomische Festigung des jüdischen Lebens, die Regelung der Emigration, und Kolonisation usw. umfassen würde. 4. Obwohl wir die nationale Autonomie als einen bedeutenden Faktor in der Organisierung und Stärkung der nationalen Kräfte des jüdischen Volkes und des jüdischen Proletariats betrachten, so können wir in ihr doch in keiner Weise eine radikale Lösung der Judenfrage erblicken, die nur möglich ist auf einem selbständigen Territorium als Grundlage der vollen nationalen Wiedergeburt. 5. Die Exterritorialität ruft im jüdischen Leben Massenwanderungen hervor, die früher einen händlerischen Charakter trugen und mit der Entwicklung des Kapitalismus im jüdischen Volk zu Arbeiterwanderungen geworden sind. Die jüdischen wandernden Massen strebten immer zur nationalen Konzentrierung, was sich besonders kraß in der letzten Zeit gezeigt hat. 6. Die politischen Verfolgungen und juristischen Beschränkungen haben den Emigrationsstrom noch verstärkt und ihm oft einen panischen Charakter gegeben. Die jüdische Emigratiön wird aber auch nach dem Sieg der demokratischen Regierungsform in Rußland fortdauern. 7. Der Partei des jüdischen Proletariats ist somit als eine der wichtigsten Aufgaben die Regelung der jüdischen Wanderungsprozesse, Schutz der jüdischen Arbeiterinteressen und Mithilfe bei der territorialen Konzentration des jüdischen Volkes vorgezeichnet, die die Grundlage der allseitigen Entwicklung des jüdischen Volkes schaffen und zur Befruchtung

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