Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 392 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101208-3109458--7137-3109500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
392 Arjeh Tartakower: derjenigen jüdischen Emigration vor, die nicht nach Palästina geleitet werden könne. Auch wurde als einer der Punkte des Programms das Streben zur Schaffung einer einheitlichen allweltlichen Partei des jüdischen Proletariats aufgenommen. Um auch den Sejmisten den Eintritt in die Partei zu ermöglichen, nannte man sie „jüdisch-sozialistisch", und nicht „jüdischsozialdemokratisch" wie vorher. Nicht so bedeutend waren die Ergebnisse der Vereinigungsverhandlungen in Europa, obwohl sie auch hier eine große Annäherung insbesondere zwischen den S. S. und den Sejmisten zustande brachten und die Gründung der späteren Partei der „Vereinigten" unmittelbar vorbereiten halfen. Der Gedanke einer Verschmelzung der proletarischen zionistischen Parteien entstand hier fast gleichzeitig mit deren Gründung. Er wurde sowohl von den S. S. als auch von den „Poale-Zion" oft ausgesprochen und propagiert, doch begannen die eigentlichen Vereinigungsverhandlungen erst im Jahre 1910. Die politische Reaktion in Rußland hatte die Mehrzahl der bedeutenderen Führer aller jüdischen sozialistischen Parteien zur Auswanderung gezwungen, und ein großer Teil von ihnen ließ sich in Wien nieder, das einige Jahre hindurch das Zentrum der jüdischen sozialistischen Bewegung bildete, wo eine Reihe jüdischer sozialistischer Zeitschriften herausgegeben oder zumindest redigiert, von wo aus die Bewegung in Rußland und in manchen anderen Ländern geleitet wurde und wo auch die Konferenzen der verschiedenen Parteien stattfanden. Dieser Umstand war dem Gedanken einer Vereinigung der zionistischen proletarischen Parteien sehr förderlich. Vorläufer der eigentlichen Vereinigungsverhandlungen waren die Bestrebungen, ein Zusammenwirken aller jüdischen sozialistischen Parteien zwecks Erreichung bestimmter, allen Parteien gemeinsamer Ziele zustande zu bringen. Als solche wurden auf der Parteikonferenz der russischen „Poale-Zion" im Jahre 1909 aufgezählt: Regulierung der jüdischen Emigration, ökonomischer Kampf, kulturelle Arbeit, Kampf um Demokratisierung der jüdischen Gemeinde, revolutionäre Arbeit, Kampf um bürgerliche und nationale Gleichberechtigung in Rußland und Bildung einer jüdischen Sektion in der Internationale. Die Aufforderung zur Zusammenarbeit auf all diesen Gebieten fand lebhafte Zustimmung bei den beiden anderen nationalen sozialistischen Parteien, während der „Bund" sich ablehnend verhielt. Die Initiative zu den eigentlichen Vereinigungsverhandlungen ging aber auch diesmal von einem Sejmisten aus, nämlich von dem bekannten russischen Anwalt Mark Borissovitsch R a t n e r , der die sejmistische Bewegung von Wien aus leitete und in dessen Wohnung auch die Vereinigungskonferenzen stattfanden. Diese Verhandlungen, an denen die bedeutendsten Führer der drei Parteien, Borochow, Rewutzki und Bloch von den „Poale-Zion", Anin, Bertoldi, Dawidowitsch von den S. S., Levitan, Raskin und Ratner von den Sejmisten teilnahmen, führten zwar zu keinem unmittelbaren Resultat, doch brachten sie eine bedeutende Annäherung der drei Parteien zustande. Besondere Fortschritte machte, wie bereits erwähnt, die Annäherung zwischen den S. S. und den Sejmisten, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Wiener Verhandlungen in starkem Maße die Ver-