Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 391 (sequence 6)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 391 vornherein miteinander viel näher verwandt als mit dem „Bund", und nachdem einmal der Taumel der Parteigründungsjahre 1905—7 mit seiner gegenseitigen erbitterten Bekämpfung vorbei war, machten sich rasch Bedenken geltend, ob es lohne, wegen der schließlich nicht allzu tiefen Differenzen zwischen den verschiedenen jüdischen sozialistischen Parteien die auch ohnehin nicht sehr starken Kräfte des jüdischen Proletariats zu zersplittern. So entstand fast gleichzeitig in Europa und Amerika der Gedanke der Vereinigung aller jüdischen sozialistischen Parteien in einer starken Partei des jüdischen Proletariats. Dabei schied in Europa bei derartigen Kombinationen der „Bund" von vornherein aus. Ihn trennte von allen zionistischen proletarischen Parteien sowohl seine schwankende Haltung in der nationalen Frage, wie auch seine prinzipielle Verneinung einer allweltlichen jüdischen Frage und, was damit im Zusammenhang steht, der Möglichkeit einer territoriellen Lösung für diese. Er bekämpfte daher, wie den Zionismus, so auch die proletarischen zionistischen Parteien vom ersten Augenblick an, um so mehr, als sie ihm eine sehr unliebsame Konkurrenz innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft bedeuteten. Er wäre daher dem Gedanken einer Vereinigung der ganzen jüdischen Arbeiterschaft ganz unzugänglich gewesen. In Amerika glaubte man, sogar im „Bund" Verständnis für diesen Gedanken wecken zu können, doch gab man auch hier diese Absicht nach den ersten mißlungenen Versuchen auf* Der erste Versuch der Vereinigung aller proletarischen zionistischen Parteien, der für die weitere Geschichte des jüdischen Sozialismus von großer Bedeutung werden sollte, wurde in Amerika gemacht. Der Vater des Gedankens, der hochbegabte sozialistische Schriftsteller Dr. Chaim Schitlowski, war zu jener Zeit Führer der Sejmisten in Amerika und bewies in einer Reihe von Aufsätzen der von ihm in jiddischer Sprache herausgegebenen Zeitschrift „Das neue Leben" die Notwendigkeit und die Möglichkeit der Vereinigung der verschiedenen jüdischen sozialistischen Programme und Parteien. Trotz vieler Schwierigkeiten und Störungen — die Bundisten wollten von vornherein den Versuch nicht mitmachen — gelang es ihm doch, im Jahre 1909 eine Vereinigungskonferenz der drei Parteien S. T., „Poale- Zion" und Sejmisten nach Chicago einzuberufen. Die ziemlich schweren Verhandlungen dieser Konferenz brachten zwar in theoretischer Hinsicht eine Übereinstimmung, doch zeigten sich die organisatorischen Wirkungen nicht sofort. Erst als die 4. Konferenz der amerikanischen „Poale-Zion", Chicago 1910, mit den Resultaten der Konferenz ernst machte und das Programm der Partei teilweise änderte, ging der weitaus größte Teil der Sejmisten mit Schitlowski selbst und ein bedeutender Teil der S. T., mit Syrkin und Zuckermann ander Spitze, zu den „Poale-Zion" über. Dies bedeutete tatsächlich einen weitgehenden Zusammenschluß der proletarischen zionistischen Kräfte und den Anfang des Prozesses der Ausbildung einer einzigen Partei, der dann schon im Lauf der Kriegsjahre durch den Eintritt der S. T. in die Partei der „Poale-Zion" seinen Abschluß finden sollte. Das revidierte Programm der „Poale-Zion" behielt zwar den früheren Palästinapunkt bei, doch sah es, um die S. T. zufriedenzustellen, eine Regelung auch