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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 387

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
387 (sequence 2)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 387 unter den jüdischen sozialistischen Parteien selbst manche Zweifel bestanden. Sie waren jedoch nicht so weitgehend, um ein enges Zusammenwirken der Parteien, sowohl in sozialistischen als auch in spezifisch jüdischen Fragen unmöglich zu machen. So mußte denn trotz des gegenseitigen erbitterten Kampfes, insbesondere in den ersten Jahren des Bestehens der jüdischen sozialistischen Parteien, der Gedanke der Zusammenarbeit oder gar der Vereinigung aller sozialistischen Kräfte rasch auftauchen. Diese Koordinations- und Vereinigungsversuche bilden ein charakteristisches Merkmal der Geschichte des jüdischen Sozialismus bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Die Arten des Zusammenwirkens konnten natürlich die verschiedensten sein. Vom rein gelegentlichen gemeinsamen Auftreten bei Demonstrationen und Feierlichkeiten bis zur völligen Vereinigung oder bis zum Aufgehen einer Partei in eine andere gab es eine lange Stufenfolge der verschiedenen Arten der Zusammenarbeit, und man kann getrost behaupten, daß in dieser Periode alle mögliche Arten versucht und zum Teil auch verwirklicht wurden. Und wenn sich die Ergebnisse nicht immer im Lauf der Periode selbst einstellten, so wurde doch in ihr manches vorbereitet, was erst in späterer Zeit definitiv ausreifen sollte. Am schwierigsten waren naturgemäß die Versuche der Zusammenarbeit mit den allgemeinen sozialistischen oder Arbeiterparteien. Die jüdische sozialistische Bewegung stieß dort von vornherein auf eine große Dosis von Mißtrauen, das oft zur direkten Bekämpfung führte. Man verstand lange Zeit hindurch nicht die Ursachen einer besonderen Bewegung der jüdischen Arbeiter, war geneigt, darin einen nationalen Separatismus zu sehen, um so mehr als die Entstehung der jüdischen sozialistischen Bewegung fast immer eine bedeutende Schwächung der allgemeinen Partei bedeutete, und wollte oft von einem Zusammenwirken nichts wissen. So wurde der „Bund" lange Zeit hindurch in Rußland von der R. S. D. A. P., in Kongreßpolen von der P. P. S. und in Galizien, hier als Z. P. S. bekannt, von der P. P. S. D. scharf bekämpft, und wenn sich die Bewegung der „Jiddisch sprechenden Sozialisten" in Amerika ruhig entwickeln konnte, so war es nur deswegen, weil sie lange Jahre hindurch ihre assimilatorische Färbung behielt und vor allem solche Arbeiter in den Kreis ihrer Tätigkeit zog, die für die allgemeine sozialistische Bewegung von vornherein nicht in Betracht kamen. Doch sollte im Lauf der Zeit das Verhältnis zwischen dem „Bund" — und den ihm wesensähnlichen Parteien — und der allgemeinen sozialistischen Bewegung einen anderen Charakter annehmen. Als eine Bewegung, die das Heil der jüdischen Arbeiterschaft wie des jüdischen Volkes überhaupt in der Stärkung seiner Lage in dem betreffenden Land erblickte, daher einzig und allein auf die Landespolitik eingestellt war und den Gedanken einer territorialen Lösung der Judenfrage auf das heftigste bekämpfte, hatte sie natürlich viel mehr Berührungspunkte mit der allgemeinen sozialistischen Bewegung als die später entstandenen, proletarischen zionistischen Parteien, insbesondere die S. S. und die „Poale-Zion", und dies mußte im Laufe der Zeit zur Koordinierung der Kräfte in gewisser Hinsicht führen, So bildete denn der „Bund" in Rußland seit 1906 wiederum einen autonomen 25*

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