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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 384

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1924-01-01
Page
384 (sequence 16)
Language
German
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384 Wolfgang Schumann: mäßige, geistig vielumfassende Einstellung ist, sondern ungefestigte All- und Allzuempfänglichkeit. Ich spreche von unser aller Zukunft. Die Gegenwart trägt noch immer das Jammerzeichen der Reizsamkeit; sie sucht — ich ziele auf die vorwärts treibenden Zentren — Geistwerte und Festgehalte in ekstatischen Veranstaltungen, in Reizhäufungen, in protestlerischem Nihilismus, in Askese, Gebärdenbetrieb und Exotismus, je nachdem. . . . Hieran hat einstweilen die Judenheit ein tüchtig Maß von Mitschuld. Sie läuft allzu verantwortungslos mit dem Kulturkabarettismus mit und ist bestechbar von jeder Nouveaute des Reizmarktes. Um einer mittleren Sensation willen verkauft sie den Rest europäischen Erbes und große europäische Hoffnungen. Denn freilich: ich stelle jenem ,,Kabarettismus'' nicht die romantischen Reize bäuerlicher Gebrauchskunst, ländlicher Trachten und Schnadahüpfln, auch nicht die lauen Annehmlichkeiten sogenannter Heimatkunst, nicht irgendeine bürgerliche Idylle oder tendenziöse Volkstumrettung gegenüber. In dieser Hinsicht verlangeich nicht mehr, als daß die jüdische Kritik sich auf ihre Position besinne; es ziemt ihr nicht Spott und Verächtlichkeit gegenüber jenen harmlosen Produkten des Gemütes ihres ,,Wirtsvolkes", und es stünde ihr wohl an, sich entweder öfter für unzuständig zu erklären oder sich derselben hingebenden Einfühlung und Mitfühlung zu befleißen, die nicht selten Deutsche gegenüber Fremdem an den Tag legen; mit anderen Worten: die jüdische Kritik ist in mittleren Bezirken allzu oft, zuweilen geradezu naiv, ungerecht. Ich wage, gerade weil ich persönlich den mittleren Dingen recht fern stehe, die Behauptung, daß sie mit ihrer einfachen Bodenhaftigkeit, ihrer schlichten Gemütsbekundung, ihrer Kindlichkeit und Unroutine immerhin weit eher die Atmosphäre für das Entscheidende gerecht infizieren als jene vielgerühmten Exzessionen des jeweils neuesten Stils. Das Entscheidende aber ist freilich nur auf der höchsten geistigen Ebene zu suchen. Wir tragen die Verantwortung für die Zukunft des Geistes. Ich bin nun in ärgerlicher Verlegenheit, auszusagen, was damit gemeint sei. Ein Schlagwort, das Lage und Aufgabe enthüllen könnte, ist mir nicht bewußt, und es würde nichts helfen. Auch nur aber die Umrisse einer sachlichen Betrachtung zu geben, würde den Rahmen jeder Zeitschrift sprengen. Sage ich, daß es die Unterwerfung der technischen Mittel, zu denen die wissenschaftlichen gehören, unter den Geist, daß es die Wiedergeburt der Seele, daß es die Reingestaltung der Lebensordnung gilt, so werden manche mich verstehen, manche nur den Phrasenklang der Worte vernehmen, die ,,Phrasen** sein können, aber nicht müssen. Ich belasse es dennoch notgedrungen bei diesen Worten. Um diese Dinge, begriffen als europäische Angelegenheiten, geht es. Für die Deutschen wie für die Juden unter uns. In Gemeinschaft oder im Wettstreit. Vielmehr: in Gemeinschaft und Wettstreit, denn beides wird und soll sich begeben. Beide Völker sind im Augenblick fern vom Bewußtsein der Aufgabe. Das ist zeitliches Schicksal. Beide sind grundverschieden ausgerüstet. Ist ein wenig Prognostizieren erlaubt, so sage ich, daß dem Deutschtum Verwebung mit einiger jüdischer Rationalität dann gut tun wird, wenn es sich zur

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